Anstatt neue Grenzen zu schaffen, sollten wir bestehende öfters überschreiten

Objektiv gesehen ist Südtirol seit bald hundert Jahren im falschen Land. Jedes Mal wenn mir der nett sein wollende Zollbeamte an der Passkontrolle am Flughafen mit einem lauten „Buongiorno!“ und einer eigentlich für einen anderen Ausdruck vorgesehenen Handbewegung die Drehtür zum jeweiligen Staat öffnet, auf dessen Boden ich gerade gelandet bin, ruft es mir mindestens ein genervtes Stirnrunzeln hervor. Wie wagt er es, von meinem Pass auf meine Muttersprache zu schließen! Aber, was bin ich denn? Tiroler, Italiener, Österreicher oder gar Deutscher? Seit ich nicht mehr in Südtirol lebe muss ich mal als der eine, mal als der andere herhalten.

Musik hatte schon immer eine sehr klare und fest definierte Identität, die geographisch-kulturell bedingt ist. Gute Musiker und Komponisten reisten vor 300 Jahren kreuz und quer durch Europa um alle erdenklichen Stile kennenzulernen und um sie dann in ihr eigenes Musikmachen einfließen zu lassen. Melodik konnte man nur in Italien lernen und um sich im Kontrapunkt zu üben, musste man nach Deutschland, während für Raffinesse und Eleganz die Franzosen zuständig waren.

Ein stolzer Südtiroler zu sein bedeutet für mich heute nicht, in Südtirol zu bleiben und mich gegen die Menschen zu stemmen, die um mich herum sind, sondern zu reisen und den Reichtum meiner Kultur zu teilen und mich selbst mit anderen Kulturen zu imprägnieren.

Anstatt neue Grenzen zu schaffen, sollten wir bestehende öfters überschreiten und – wieso nicht – irgendwann ganz verschwinden lassen um die unendlichen Möglichkeiten zu nutzen, die eine solche Pluralität an Ansichten und Lebensweisen mit sich bringt.

Denn Südtirol ist mehr als ein Touristenland mit Folklore und tollen Bergen. Es kann sich als Pivot point zwischen zwei völlig verschiedenen Kulturen aktiv in die Gestaltung Europas einbringen und als Vertreter europäischer Hochkultur in all ihrer wunderbaren Komplexität aus der Mitte Europas heraus selbstbewusst, stellvertretend und beispielgebend agieren. Mit so einem offenen, modernen, toleranten Land möchte ich mich identifizieren.

Johannes Pramsohler ist Barockgeiger und lebt als freischaffender Musiker in Paris. Der 34jährige Sterzinger hat sich seit seiner Ausbildung in Bozen und London als Solist, gefragter Kammermusikpartner und Konzertmeister einen Namen gemacht. 2013 gründete er sein eigenes Label Audax Records mit dem Ziel, vergessene Meisterwerke wiederzuentdecken