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"Meine Südtiroler Identität ist nur eine von vielen"

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Lange Zeit habe ich meine Südtiroler Identität abgelehnt. Ich wollte weg, möglichst weit und alles südtirolerische hinter mir lassen. Zum Watten treffen beim Stammtisch in München? Auf keinen Fall. Jedes Wochenende heimfahren? Noch weniger. Ich wollte meine Herkunft am liebsten ablegen, zugunsten einer globalen Großstadtidentität. Hätte eine internationale Staatsbürgerschaft existiert, ich hätte meine, ohne zu zögern, aufgegeben. Denn ich dachte, man könne nur eine einzige Identität besitzen.


Meine letzten Jahre im Ausland haben mich gelehrt, dass das nicht stimmt. Ich habe viele Identitäten, so besitze ich zum Beispiel in jeder Sprache eine andere. In Bozen, unterwegs mit meinen Freunden, zuhause bei meinen Eltern, bin ich eine andere als die, die hier in Tokio, in sehr gebrochenem Japanisch ein Interview führt. 

Auch Staatsbürgerschaft hat für mich wenig mit Identität zu tun. Italienisch, deutsch, europäisch, belgisch, so wie mein Mann? Ich habe mich immer zwischendrin gefühlt. Das ist nicht schlimm, solange man miteinander kommunizieren kann. Sprache ist es, die unterschiedliche Identitäten verbindet. Aber eben nicht nur. 

Meine Zeit in Tokio lehrt mich, dass Sprache nicht reicht. Ich kenne Ausländer, die perfekt Japanisch sprechen, einen japanischen Partner haben, und trotzdem: Sie bleiben immer anders. Ich versuche diese Hürde durch das Schaffen von Gemeinsamkeiten zu überwinden. Mit meiner japanischen Freundin Yoppy trainiere ich für einen Marathon, mit Hitomi diskutiere ich über japanische und italienische Küche. Die beiden kommen aus einer Kultur, in dem sich das Individuum komplett dem Kollektiv unterordnet, sie haben eine andere Muttersprache, eine andere Erziehung und Religion und doch haben wir eine gemeinsame Identität erschaffen. Wir ergänzen uns, und treffen uns beim kleinsten gemeinsamen Nenner und bauen darauf auf. „Sharing is caring“ heißt es. Teilen verbindet. Das sind: gemeinsame Werte, Interessen, politische Ansichten. Attribute wie Sprache, Herkunft, Staatsbürgerschaft werden so zur Nebensächlichkeit. Denn es sind eben nur Attribute. Wenn wir bereit sind, uns davon zu befreien und uns in unserer Gesellschaft, bei unseren Mitmenschen, auf die Suche machen nach diesem gemeinsamen Nenner, dann erscheinen Unterschiede überbrückbar. Und deshalb habe ich jetzt auch kein Problem mehr mit meiner Südtiroler Identität. Denn sie ist nur eine von vielen - wenn auch eine wichtige. Aber sie schließt meine anderen eben nicht mehr aus. 


Katharina von Tschurtschenthaler hat Journalistik in München und Barcelona studiert und anschließend eine Ausbildung zur Redakteurin beim Bayerischen Rundfunk absolviert. Danach war sie vier Jahre lang für die ARD in Brüssel tätig. Seit August 2014 lebt die Boznerin in Tokio, wo sie seitdem intensiv Japanisch lernt und für ein Onlinemagazin als freie Journalistin schreibt.

Beitrag Nr. 5 aus der Reihe "Identität"