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"Nicht vor Unterschieden zurückschrecken, sondern aus der Vielfalt lernen"

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"Ma lei, con i suoi amici, in che lingua parla? E in che lingua sogna?" Ich erinnere mich noch gut an die Fragen, die mir die Mitglieder der Prüfungskommission gestellt haben, als ich meine grüne Identitätskarte bei der Aufnahmeprüfung an der Uni vorgezeigt habe. Natürlich war ich eher auf andere Fragen vorbereitet, aber irgendwie muss man wohl als Südtiroler in den ungewöhnlichsten Situationen damit rechnen, darauf angesprochen zu werden.



Was ist also meine Identität, wenn ich an meine Herkunft denke? Zuallererst, dass ich mich nicht unbedingt einer einzigen Kultur angehörig fühle, sei das die deutsche oder die italienische, oder etwa die ladinische... Was aber typisch für mich ist, ist, dass ich mich mehr oder weniger in all diese Kulturen einfühlen kann und mir bewusst bin, was für ein großes Glück ich hatte, im Kontakt mit diesen drei Sprachen aufzuwachsen und keine Probleme hatte, mit Kindern der deutschen und italienischen Sprachgruppe zu spielen.

Dieses Glücks wird man sich erst bewusst, wenn man nicht mehr in Südtirol wohnt, und die anderen einen bewundern, dass man sich fließend in mehreren Sprachen ausdrücken kann. Heute lebe ich in Québec, wo ein vergleichbares - manchmal angespanntes - Verhältnis zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen vorherrscht: Franko- und Anglokanadier und Autochtone. Meiner Herkunft kann ich es wohl verdanken, toleranter gegenüber anderen Kulturen zu sein, und besser mit einem "Kulturschock" zurechtzukommen.

Man wird aber auch anspruchsvoller: Südtirol ist nicht umsonst anerkannt für die schöne und saubere Natur, aber auch für die Suche nach höchster Qualität und die Liebe zu den kleinen Aufmerksamkeiten, die z.B. im Handwerk und im Gastgewerbe ihren Ausdruck finden. Erst im Ausland merkt man oft, das solche gesellschaftlichen Werte ganz und gar nicht selbstverständlich sind.

Diesen Reichtum schätzen zu wissen ist eine große Herausforderung. Vor Unterschieden nicht zurückzuschrecken, sondern aus der Vielfalt zu lernen, Anstöße von "draußen" zu holen und diese mit den Südtiroler Besonderheiten zu verbinden, um noch weiter zu wachsen, das würde Südtirol ohne Frage stark bereichern.



Elisa Valentin (40) ist Leiterin der Abteilung “Koordination der internationalen Aktivitäten” im Ministerium für internationale Beziehungen der Provinz Québec. Die Boznerin hat einen Hochschulabschluss in Diplomatie und internationalen Beziehungen in Gorizia abgeschlossen und einen Master in internationalen Beziehungen der Universität Laval, Québec absolviert. Vor ihrer aktuellen Tätigkeit war Elisa Valentin Beraterin für Publicis in Paris und als Forscherin am Institut national de recherche scientifique in Québec tätig.

Beitrag Nr. 7 aus der Reihe "Identität"