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"Wer weiß denn schon, wer wir Südtiroler wirklich sind?"

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Ich weiß nicht, ob wir Südtiroler besonders von der Frage nach unserer Identität besessen sind weil wir zwischen zwei Kulturen aufwachsen, im Grunde davon überzeugt sind, dass keine der Beiden unserem Wesen gerecht wird und dadurch irgendwie in einem identitätsmäßigen Niemandsland sitzen. Vielleicht aber auch nur, weil wir so häufig schräge Blicke ernten, wenn wir erklären, dass im hohen Norden Italiens auch deutsch gesprochen wird. Aber wer weiß denn schon - außer vielleicht dem Schützenkommandanten -  wer wir Südtiroler denn wirklich sind, und falls uns das jemand sagen könnte, würden wir uns darin überhaupt gefallen? 




Die Moderne hat uns mit der Verheißung gelockt, Identität sei eine Konstruktion, die man als befreiter Mensch selbst in die Hand nehmen soll, wie man ein Kleidungsstück wählt oder eine bestimmte Schallplatte auflegt.  Von Ovids Metamorphosen bis zu Freuds Schriften zum Unterbewussten lernen wir aber, dass es mit der Identität nicht so einfach ist. Jeder Horrorfilm warnt uns davor, dass man sich weder auf seine eigene, noch auf die Identität anderer verlassen kann, da in jedem Individuum ein blutrünstiges Monster schlummert, das nur darauf wartet, geweckt zu werden. 

In Wirklichkeit verrät unsere Sorge nach Identität nicht die Bedrohung, die unserer Kultur zu teil werden würde, sondern die Tatsache, dass wir etwas sein möchten, was wir noch nicht sind, und uns davor fürchten, etwas zu sein, was wir nicht sein wollen, aber womöglich immer schon waren. 

Ich glaube nicht, dass Menschen etwas davon haben, sich ihrer Identität gewiss zu sein. Es ist hingegen aufschlussreich, zu erkennen, was man begehrt und wovon man sich fürchtet, denn diese Furcht und dieses Begehren waren immer schon Triebfedern menschlicher Kultur, sei es in der Literatur, der Wissenschaft, der Religion oder der Kunst. Würden wir uns plötzlich mit einer Identität zufrieden geben und wären wir plötzlich nicht mehr Heimgesuchte - voller Furcht vor einer Identität, die wir nicht haben wollen, Begehrende, die etwas sein wollen, das wir noch nicht sind -  dann würden wir, selbstzufrieden und verblödend, für diese Identität unsere Kultur opfern, die sich von dieser Furcht und diesem Begehren nährt. Auch wir Südtiroler.



Philipp Mayrhofer (38) ist Filmemacher und lebt in Paris. Er hat an der Uni Wien und der Sorbonne Philosophie Studiert. Er hat Fernsehreportagen, Dokumentationen und Kurzfilme gedreht und arbeitet an seinem ersten Spielfilm - eine Romanverfilmung.

Beitrag Nr. 10 aus der Reihe "Identität"