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"Wir stecken in einem Dilemma"

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Christian Feichter war nach seinem Studium im Bereich Informationsmanagement für den Think Tank der Deutschen Bank in Frankfurt, Gigaset Communications in Bocholt und als IT-Projektleiter bei der Max-Planck-Gesellschaft in München tätig. Im Südstern Interview gibt der gebürtige Brunecker und IT-Consultant bei MEAG in München einen Einblick in die Branche und erklärt, welche Anforderungen an Unternehmen im Zuge der Digitalisierung gestellt werden.



 


Sie sind derzeit bei Munich Re tätig, eine der größten Rückversicherungen mit Sitz in München: Was sind die Schwerpunkte einer Rückversicherung und welche IT-Anforderungen ergeben sich daraus?

Ich arbeite seit zwei Jahren bei der Munich Re Tochter MEAG, welche vorrangig das Vermögen des Konzerns verwaltet und die kurz- und langfristige Liquidität des Erst- und Rückversicherungsanteils sicherstellt. Für die IT stellen sich, neben klassischen Aufgabengebieten, hohe Ansprüche an die Professionalität und Nachvollziehbarkeit, nicht zuletzt aufgrund der regulatorischen Rahmenbedingungen.



Unter anderem beschäftigen Sie sich momentan mit der Einführung der “SAP Extended ECM”: Was kann sich ein Laie darunter vorstellen?

Ich beschäftige mich seit mehr als 10 Jahren mit dem Thema Informationsmanagement, sprich welche Informationen (ungleich Daten) ein Unternehmen benötigt, und wie diese bedarfsgerecht abgerufen und dadurch nutzbar werden.
Durch die Durchdringung der Digitalisierung in allen Bereichen wächst der Bedarf an strukturierten Informationen, welche Geschäftsprozesse und deren Entscheidungen maßgeblich unterstützen. Es geht darum, die immense Anzahl an eintreffenden, unstrukturierten Informationen, wie beispielsweise die tägliche E-Mail-Flut, schnell und anwenderfreundlich in den Griff zu bekommen, abzulegen und wiederzufinden. Im Bereich Daten ist das Schlagwort Big Data, im Bereich Informationen ist es meiner Meinung nach Enterprise Content Management.


Welchen Herausforderungen begegnen Sie bei der Implementierung von neuen Lösungen?


Die größte Herausforderung eines IT-Projektleiters ist nicht etwa das Handwerkzeug oder die Methodik, sondern die Veränderung – ob es nun um einen Prozessschritt, ein IT-System oder eine ganze Organisation geht – welche mit einem Projekt einhergeht. Es gilt zu überzeugen und die Tiroler Grundtugenden der Hartnäckigkeit und der Glaubwürdigkeit helfen dabei. Eine gewisse fachliche Kompetenzvermutung hilft natürlich auch.



Welche Bereiche in größeren Unternehmen werden Ihrer Meinung nach besonders stark von der Digitalisierung erfasst?

Alles, was automatisiert werden kann, wird automatisiert werden. Aus Sicht der IT besteht der Spannungsbogen zwischen schneller und flexibler Bereitstellung von Lösungen ohne aber, dass Werte und langfristigen Strategien wie IT-Security und IT-Architektur außer Acht gelassen werden.



Von welchen Trends können kleine bis mittelständische Betriebe profitieren und wofür sollten Sie sich rüsten?


Ich sehe bei Mittelständler die größte Chance, dass Trends generell schnell aufgegriffen und umgesetzt werden können, vielleicht manchmal hemdsärmlig, aber wer nicht dynamisch und flexibel agiert, den bestraft der Markt. Der ökonomische Erfolgsdruck ist dort sicher immens, aber gerade die IT zeigt, dass aus einer gut vermarkteten Idee schnell ein Riesengeschäft werden kann.



Welchen Ratschlag würden Sie einem jungen Südtiroler auf den Weg geben, der in der Informatik seine Zukunft sieht?

Die reine Informatik scheint mir einseitig und teils sehr akademisch. Mischformen wie Wirtschaftsinformatik bilden den Brückenschlag zwischen mehreren Disziplinen und die Einsatzmöglichkeiten sind dementsprechend vielfältiger. Zentral sind meiner Meinung nach Erfahrungen durch Praktika, welche einen möglichst breit gefächerten Einblick in verschiedene Branchen und Unternehmensgrößen ermöglichen sollen.


Ich nehme an, Ihre Branche wird immer noch vorwiegend von Männern dominiert: Zeigen die zahlreichen Kampagnen Mädchen für das Thema zu begeistern jegliche Wirkung?

Meiner Meinung nach kann es sich keine Branche leisten, nicht attraktiv für gut ausgebildete Menschen zu sein. Die Unternehmen müssen verschiedene Lebensphasen und -modelle unterstützen und die notwendigen Voraussetzungen, wie zum Beispiel flexible Arbeitszeiten, Telearbeit und Co., anbieten. Letztlich gilt auch für Unternehmen das Gesetz von Angebot und Nachfrage.



Wie kann man sich Ihren typischen Tagesablauf vorstellen?


Als Familienvater geht es morgens erst einmal darum, die drei Kinder in die Schule bzw. in den Kindergarten zu bekommen. Die Kleinste bringe ich in den Kindergarten und ich fahre dann mit der Bahn zur Arbeit. Im Büro warten E-Mails, Termine und Kollegen, die sich abwechseln und mir einen kurzweiligen Job verschaffen. Am liebsten sind mir die Tätigkeiten als Projektleiter, wo es darum geht, sehr facettenreiche Themen voranzutreiben.

 
Immer mehr Mitarbeiter bringen Ihre eigenen mobilen Geräte zur Arbeit, was zahlreiche Sicherheitsrisiken birgt: Mit welchen Veränderungen rechnen Sie in naher Zukunft?


Wir stecken in einem Dilemma: Einerseits soll alles miteinander vernetzt, verwoben und austauschbar sein und andererseits ist es blauäugig zu glauben, dass sich in einem Netzwerk alle Komponenten ungestört kommunizieren können sollten. Ich glaube, dass privates Equipment im Büro nichts zu suchen hat und die Unternehmen die notwendigen Arbeitsmittel zur Verfügung stellen müssen und sollen.


 
Denken Sie manchmal an eine Rückkehr nach Südtirol nach?


München ist lebenswert und eine starke Konkurrenz zur sagenumwobenen Südtiroler Work-Life-Balance. Mich reizt es, über den Brenner zu fahren und Heimatluft zu schnuppern. Es bleibt abzuwarten, welche beruflichen und privaten Veränderungen eintreffen, die mich zurück in die Heimat rufen.


 
Was vermissen Sie an Ihrer Heimatstadt Bruneck?


Ich vermisse den morgendlichen Gang in die Bar, um sich auf einen gemeinsamen Kaffee zu treffen.


Interview: Alexander Walzl