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"Die Grundlagenforschung ist ein wichtiger Teil unserer Kulturidentität"

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Der Bozner Egon Heiss forscht an der Friedrich-Schiller-Universität Jena am Institut für Spezielle Zoologie und Evolutionsbiologie. Im Südstern Interview gibt er Einblicke in die Kreativität der Natur, besonders skurrile Verteidigungsstrategien und erklärt, warum viele heimische Amphibien doppelt bedroht sind.




Sie haben Ihren Postdoc in Antwerpen absolviert und sind derzeit an der Universität Jena tätig: Was ist Ihr Forschungsschwerpunkt?


Ich beschäftige mich mit vergleichenden funktionsmorphologischen Aspekten bei Wirbeltieren. Die Funktionsmorphologie vereint Anatomie, Biomechanik, Verhaltensbiologie und Evolutionsbiologie um Fragen nach Form und Funktion von Organsystemen fächerübergreifend beantworten zu können. Speziell untersuchen wir vergleichenden Funktionsmorphologen, wie sich Strukturen von Organismen unter stetig wechselnden Umweltbedingungen verändern, um neuen Anforderungen gerecht zu werden.



Welche Aspekte faszinieren Sie dabei besonders?

Mich fasziniert, wie „kreativ“ die Evolution sein kann, um funktionellen Zwängen gerecht zu werden. Nehmen wir als Beispiel die Evolution der Zunge, ein Merkmal, das nur Landwirbeltiere besitzen und sich im Wesentlichen aus dem Kiemensystem der Fische entwickelt hat. Auch wenn die Zunge bei Landwirbeltieren oberflächlich in Form und Funktion ähnlich erscheint, ist sie mindestens zweimal, möglicherweise aber öfters, unabhängig voneinander entstanden.



Was treibt Sie an und wie gehen Sie mit Rückschlägen um?


Die treibende Kraft ist bei mir sicherlich eine Faszination für die Natur, gepaart mit simpler Neugier. Auch wenn es in der Wissenschaft oft sehr grob hergeht und nicht immer einfach ist, konnte ich doch mein Hobby zum Beruf machen und das ist sicher ein Privileg. Größere und kleinere Rückschläge gab es zur Genüge, aber man muss lernen damit umzugehen und sollte sich nicht auf negative Betrachtungsweisen versteifen. Zum Beispiel kann ein Scheitern auch als ein Lernprozess verstanden werden und u. U. neue Möglichkeiten eröffnen, die man vorher gar nicht sah.




Was bedeutet eine Entdeckung für einen Forscher?


Für mich ist es ein großes Gefühl, Neues zu entdecken. Oft geht man sehr hohe Risiken ein und umso größer ist die Freude, wenn entweder Hypothesen bestätigt werden können – oder noch besser: völlig Unerwartetes und Neues an den Tag kommt, das wiederum neue Blickwinkel eröffnet.



Obwohl viele der bahnbrechendsten Entdeckungen und Innovationen der Vergangenheit ohne Grundlagenforschung kaum zu erzielen waren, wurde in einigen Bereichen im Zuge von Einsparmaßnahmen der Rotstift angesetzt: Was ist Ihre Meinung zu diesem Trend? Worüber sollten sich Entscheidungsträger im Klaren sein?


Leider spielen für viele Entscheidungsträger kurzfristige wirtschaftliche Überlegungen eine wichtigere Rolle als Nachhaltigkeit in einer Gesellschaft. Die Grundlagenforschung erfüllt den uralten menschlichen Trieb Neues zu entdecken und „produziert“ Wissen. Neues Wissen baut auf altem Wissen auf und die Grundlagenforschung bildet somit nicht nur den Grundstock für angewandte Forschung und „bahnbrechende Innovationen“ (von Verbrennungsmotoren und Satelliten bis hin zu Antibiotika), sondern ist auch ein wichtiger Teil unserer Kulturidentität. Die massive Einsparpolitik in der Grundlagenforschung, die sich seit einigen Jahren durchsetzt, bremst nicht nur unsere geistige und technologische Entwicklung als Gesellschaft, sondern durch den Verlust von Experten geht auch viel Know-how unwiderruflich verloren. Wenn der Grundlagenforschung die Mittel entzogen werden, minimiert das technologische und wirtschaftliche Innovationen, was schlussendlich zu verminderter Konkurrenzfähigkeit des Wirtschaftssystems führen wird. Das sollten viele Entscheidungsträger in ihren Überlegungen mit einfließen lassen.



Welchen Einfluss hat der technologische Fortschritt auf Ihren Forschungsbereich?


In den letzten Jahren haben sich neue, computergestützte Verfahrenstechniken rasant entwickelt. Für mich als Morphologe sind besonders Mikro-Computertomografie und computerbasierte Simulationstechniken spannend da wir so Vorgänge berechnen und simulieren können die im lebenden Tier nicht messbar wären.





Einige Amphibien setzen auf besonders skurrile Strategien zur Jagd und Verteidigung: Welche faszinieren Sie besonders?


Besonders beeindruckt hat mich der Saugschnappmechanismus des Chinesischen Riesensalamanders. Chinesische Riesensalamander leben in Flüssen im Südosten Chinas und können über 150 Zentimeter lang werden- bei einem Gewicht um die 50 Kilogramm. Sie sind damit die größten lebenden Amphibien überhaupt. Wir hatten das große Privileg mit diesen Tieren zu arbeiten und konnten mittels Hochgeschwindigkeits-Filmaufnahmen und Computersimulationen zeigen, dass die Riesensalamander durch blitzschnelles Auseinanderreisen der Kiefer einen gewaltigen Wassereinstrom ins Maul erzeugen können und ohne ein Beutetier zu berühren, es mit einer Beschleunigung von 6 g ins Maul saugen. Eine Beschleunigung von 6 g ist beachtlich und wird z. B. von startenden Raketenautos erreicht.

Ein anderes faszinierendes Beispiel ist die Feindabwehr-Strategie des Spanischen Rippenmolches, der seine scharfen Rippenspitzen aus den eigenen Flanken stößt, um Fressfeinde damit abzuwehren oder ein Frosch, der seine Fingerknochen aus den Fingerkuppen sticht und als Krallen verwendet. Solche Beispiele zeigen uns, wie viele Strategien, Mechanismen und Anpassungen die Natur tatsächlich hervorgebracht hat, die wir vielleicht niemals für möglich gehalten hätten.



Salamander, wenn auch unter Artenschutz, sind auch in Südtirol noch häufig anzutreffen: Dennoch wissen die Wenigsten mehr von diesen Tieren.

Salamander wirken sehr archaisch und sind faszinierend zu beobachten. Im Frühling z. B. kann man in zahlreichen Pfützen und Teichen den quirligen Paarungstanz von Bergmolchen beobachten. Ein herbstlicher Spaziergang bei Nieselwetter kann mit etwas Glück auch zu einer Begegnung mit einem Feuersalamander führen. Eine ganz besondere Seltenheit ist der pechschwarze Alpensalamander, ein Verwandter des Feuersalamanders, den man bei Nebel oder Nieselwetter im Hochgebirge (ab ca. 2000m) antreffen kann. Generell sind alle Salamander gutmütig und harmlos. Wenn man sie anfassen will, sollte man sich nachher aber die Hände waschen, da alle Amphibien eine giftige Wehr-Substanz an der Haut absondern, wenn sie sich bedroht fühlen.



Welche Maßnahmen sind besonders effektiv, um dem Artensterben von Amphibien entgegenzuwirken? Welche Schritte sollten in Südtirol unternommen werden?


Mehr Toleranz der Natur gegenüber ist immer hilfreich. Die meisten heimischen Amphibien benötigen als Lebensraum sowohl Gewässer als auch umliegende terrestrische Habitate und sind gerade deshalb doppelt bedroht. Neben offensichtlichen Gefahren wie ungeschützte Schnellstraßen können auch auch oberflächlich betrachtet unauffällige Veränderungen durch Menschenhand, wie z. B. das Einsetzen von Fischen in vormals fischfreie Gewässer, Entwässern von sumpfigen Wiesen und Gräben, Ausbringen von Insektiziden und Herbiziden, oder exzessives Düngen, ganze Populationen klang und sanglos vernichten. Hilfreich wären eine Renaturierung verloren gegangener Lebensräume einerseits und ein strengerer Schutz bestehender Amphibien-Habitate andererseits, wobei Laichgewässer besonders wichtig sind. Das sichere An- und Abwandern dieser Laichgewässer durch Amphibien muss natürlich auch sichergestellt werden, z. B. durch Tierquertunnel bei angrenzenden Land- und Schnellstraßen.

Wie erleben Sie Südstern?


Die Südstern-Jahresevents waren immer sehr unterhaltsam und ich konnte jedes Mal interessante Südtiroler aus allen Ecken der Welt kennenlernen oder alte Bekannte wiedersehen. Ansonsten erlebe ich Südstern als ein schnell wachsendes, primär wirtschaftlich orientiertes Networking-Projekt.



Was vermissen Sie an der Heimat?


Das Land, Freunde und Familie und das gute Essen. Ich hätte nie gedacht, dass ich jemals Knödelsuppe, Tirtlan oder frisch geröstete Kastanien so vermissen würde.



Interview: Alexander Walzl