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Ein Cityroller in Pfaffenhofen a.d. Ilm

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Die gebürtige Boznerin Franzi Krammer-Keck, geb. Ogriseg lebt seit 35 Jahren mit ihrer Familie in Pfaffenhofen an der Ilm in der Hallertau. Im Cityroller-Interview erzählt sie, was das Leben in der lebenswertesten Kleinstadt der Welt so besonders macht, warum eine bayrische Brotzeit durchaus nicht zu verachten ist und den Pfaffenhofenern auch beruflich alle Möglichkeiten offen stehen.



Franziska Krammer-Keck mit ihrem Mann Ernst Krammer-Keck vor der heimischen Bibliothek

MEINE STADT IST…


….Pfaffenhofen an der Ilm in der Hallertau, nicht zu verwechseln mit fünf gleichnamigen Kleinstädten, die an anderen Flüssen Bayerns liegen. Als ich mit meiner Familie vor 35 Jahren hier sesshaft wurde- nach Umwegen über Innsbruck, Salzburg und Starnberg mit zuletzt drei Kindern - zählte die Stadt noch 14.000 Einwohner, inzwischen sind es 25.000,- ein Beweis für ihre dynamische Entwicklung. Schon an der Ortstafel am Stadtrand ist zu lesen: Pfaffenhofen hat im Jahr 2011 in Südkoreas Hauptstadt Seoul den LivComAward gewonnen, den Preis als „lebenswerteste (Klein-)Stadt der Welt“(!!!). Ein Kompliment, das wohl kaum noch zu toppen ist! 2013 folgte wegen ihres Einsatzes für grüne Technologie der Preis für die „Nachhaltigste Kleinstadt Deutschlands“. Und all dies, ohne dass  hier besondere Naturphänomene zu bestaunen wären, keine hohen Berge, keine spektakulären Seen, Wasserfälle oder Flüsse – Pfaffenhofen an der Ilm ist einfach nur eine gemütliche bayrische Kleinstadt!



DAS BESONDERE AN PFAFFENHOFEN IST…


…aber seine ideale Lage. Eingebettet zwischen den Hügeln des größten zusammenhängenden Hopfenanbaugebiets der Welt, der Hallertau oder mundartlich „Holledau“, bietet es seinen Bewohnern zum einen ländliches Flair und gute Luft. Da führen Radwege durch den Stangenwald der Hopfengärten von Dorf zu Dorf, man kann Wanderungen durch die nahen Forste vorbei an Hügelgräbern aus der Bronzezeit unternehmen, entdeckt versteckte Kirchlein und Kapellen, kann Schwammerl suchen oder in Moorweihern baden und natürlich in traditionellen Bierwirtschaften zukehren. Wenn man dem Motto „Bayern mit Laptop und Lederhosen“ glauben darf, was eine gesunde Mitte zwischen technischem Fortschritt und Traditionsbewusstsein bedeutet , dann sind hier die „Lederhosen“ zu Hause: unterm Maibaum und mit seinen Volksfesten, mit Blaskapellen und Trachtenumzügen, mit Goaslschnoizer und Fronleichnamsprozessionen, dem Schäfflertanz und zum Jahresausklang mit den Christkindlmärkten.
 Andererseits liegen hier  große Ballungsräume gleich vor der Haustür, optimal durch Autobahnen und Bundesstraßen verbunden: München, das ist wirtschaftlich gesehen „Bayern mit Laptop“, wegen ihres Charmes auch die „nördlichste Stadt Italiens“ genannt, nahe in Pfaffenhofens Süden gelegen. Leicht erreichbar sind ebenso Ingolstadt und Regensburg im Norden, Landshut im Osten, Augsburg im Westen, alle in einer Entfernung unter 100 km. Allesamt  hochkarätige Kulturzentren und aufstrebende Wirtschaftsstandorte. Für einen Freund klassischer Konzerte besteht hier nur die Qual der Wahl: soll man nun Lang Lang lieber in München oder in Regensburg genießen?


Blick auf Pfaffenhofen



DEN BESTEN KAFFEE…

…gibt’s in Pfaffenhofen gleich neben dem Hauptplatz in einem italienischen Caffè namens „Il Baffo“. Hier serviert die hübsche  Floriana aus Sardinien caffè di tutti i tipi, dazu cornetti und tramezzini, aperitivi und digestivi. Ein Treffpunkt auch für meine vielen Italienisch-Schüler, die ich an der Volkshochschule seit meinem Eintritt in den „Ruhestand“ unterrichte.



HIER TRIFFT MAN AUF WASCHECHTE…


…Bayern, während in meinem früheren Wohnort im Süden Münchens, an den Ufern des Starnberger Sees, die sogenannten „Preißen“ das Sagen haben. Vielfach Rentner aus den industrialisierten Städten nördlich des „Weißwurstäquators“, die sich für ihr Alter einen Wohnsitz in Deutschlands schönstem Bundesland zugelegt haben.
Hier in der Hallertau hat mein Mann einen kleinen aber feinen Verlag für Bavarica gegründet, ein Forum für bayerische Autoren mit Niveau. Hier werden auch Mundart, Trachtenwesen, Laientheater gepflegt, auch wir beide halten in Pfaffenhofen und in den umliegenden Städten Lesungen mit süddeutschem Schrifttum. Im Frühjahr führen hier die Schäffler alle sieben Jahre ihre Tänze auf zur Erinnerung an überwundene Pestepidemien in vergangenen Jahrhunderten. Zu Fronleichnam gibt’s eine Prozession, und zwar in vergleichsweise bescheidenen Trachten hin zu den vier geschmückten Altären in der Stadt, ohne dass Touristen am Straßenrand die Gläubigen fotografieren. Im Herbst erfasst dann die Leute eine „Fetzngaudi“, wenn das Volksfest seine Bierzelte öffnet, während im Winter romantische Christkindlmärkte zu Glühwein und reich geschmückten Standln einladen.


Der Hauptplatz



BERUFLICH…


…bietet die Nähe zu den Großstädten den Pfaffenhofenern alle Möglichkeiten. Die Arbeitslosenrate ist verschwindend gering. Denn  „Pfahofa“, wie die Einheimischen sagen, ist auch eine Stadt von Pendlern, mögen sie nun ihren Arbeitsplatz z. B. bei AUDI in Ingolstadt anfahren (35 km) oder ihre Brötchen bei BMW in München verdienen (49 km), oder- wie ich-am Bayerischen Rundfunk arbeiten, wo ich durch 30 Jahre als Sprecherin und Moderatorin wirkte. München hat ja ein berufliches Einzugsgebiet von rund 100 km! Auch der Flughafen MUC, von dem aus jährlich über 40 Millionen Reisende starten und wo rund 30.000 Leute Arbeit finden, ist mit seinen 45 km nicht weiter von Pfaffenhofen entfernt, als wenn man in München von einem Stadtrand zum anderen müsste.



SNACKS ZWISCHENDURCH ?


Eine bayrische Brotzeit ist durchaus nicht zu verachten! Sogenannte „Magentratzerl“ sind z.B. „O’batzter“ mit an Radi, Wurstsalat- bayrisch oder als Schweizer Variante mit Käse, Griebenschmalz, Leberkas gebräunt, Bratensülze, Nürnberger Rostbratwürste,- sie stärken zwischendurch. Süßspeisen erinnern vielfach an Südtirol, wie die Kirta-Nudel  („Nudeln“ sind hier keine Spaghetti, sondern Fettgebäck), die etwa den Pusterer Kniakiachln entsprechen, man serviert Hollerkiachl und Apfelstrudel, Kaiserschmarrn und ab September natürlich den unschlagbaren Zwetschgendatschi. Wer's schlicht haben will, der lässt sich einfach eine frische Butterbreze schmecken! Ja, es lässt sich kulinarisch aushalten an der Alpen-Nordseite!



Pfaffenhofener Wochenmarkt



UND ZU MITTAG…


…hält man es natürlich wie ringsum in den großen Metropolen ziemlich mit internationaler Kost. Da gibt’s in Pfaffenhofen „den“ Italiener wie „den“ Griechen, den „Inder“ und „den Thailänder“, den türkischen Dönerstand neben „dem“ Chinesen und überall die  Pizza al taglio. Während einheimische, echte bayrische Gasthöfe leider schon längere Zeit von Schwindsucht erfasst werden und in kleinen Orten zusperren müssen. Oder ihr Feld den zugewanderten Sizilianern, Kroaten, Mexikanern überlassen.
Trotzdem, es gibt sie noch, die bayerischen Wirtschaften, wo man sein viel besungenes Rehragout kriegt oder seinen krossen Schweinsbraten mit Reiberdatschi, eine Biersuppe oder ein Kartoffelbratl, Bierfleisch mit Hopfazupfersalat oder einen Saubuckel gegrillt,- um nur einige wenige bodenständige Gerichte zu nennen. Nicht zu vergessen: Pfaffenhofen liegt am Rand des Anbaugebietes des bekannten Schrobenhausener Spargels, so stehen Spargelgerichte im Frühling auf jeder Speisekarte.


 
WIE LEBT ES SICH HIER MIT FAMILIE ?

…Für Groß und Klein ist gesorgt mit Kindergärten und allen Schultypen von der Hauptschule bis zum Gymnasium, Letztere für größere Kinder leicht mit Radl zu erreichen. Wenn auch auffällt, dass viele Gymnasiasten ab 17 schon mit dem eigenen Auto andüsen. Hochschulen und Universitäten aller Fakultäten sind in den Großstädten der Umgebung gut erreichbar. Zwei meiner KInder haben im nahen Eichstätt und Regensburg studiert, ein Sohn ließ sich vom Bayerischen Rundfunk zum Kameramann ausbilden.
Und die Stadt sorgt fleißig für Sport-und Jugendeinrichtungen, Klettertürme und Freibad, Skaterhalle und Fußballplatz, sie unterstützt junge Musikbands und stellt hin und wieder sogar Sprayern eine öffentliche Wand zur Verfügung. Wie das so ist, wenn man „die lebenswerteste Stadt der Welt“ auch bleiben möchte!
Ein cleverer junger SPD-Bürgermeister kämpft hier unverdrossen seine Ideen gegen die allmächtige CSU durch.


Das Rathaus



WAS STÖRT SIE EIGENTLICH AN IHREM WOHNORT?


Die elenden Staus auf der Autobahn, die Eselsgeduld, die etwa bei Fahrten in den Süden aufzubringen ist, allein um schon mal den Großraum München hinter sich zu lassen….



FAHREN SIE OFT NACH SÜDTIROL?


Etwa alle zwei Monate, da ich bei RAI Südtirol eine Klassik- Sendung betreue, die voraus produziert wird. Im Übrigen informiere ich mich online über Ereignisse im Land, wie sie in Fernsehsendungen und Printmedien ihren Niederschlag finden. Ich telefoniere öfter und halte über E-Mails Kontakte. Natürlich, das Land hinterm Brenner ist klein, gebirgig und eng. Von der Ausdehnung her gerade mal ein Zehntel Bayerns, von der Einwohnerzahl mit seinen 500.000 Seelen gegen 12 Millionen knapp nur ein Drittel von München! Wie ja überhaupt das Bundesland Bayern größer und einwohnerstärker als ganz Österreich ist- das bringt hier doch ganz andere Perspektiven mit sich. Ob sich die Dimensionen des weißblauen „Freistaats“ bis Südtirol durchgesprochen haben?


Franziska Krammer-Keck mit ihren jüngsten Enkeln Lukas und Moritz


WIE SEHEN SIE IHRE HEIMAT HEUTE?


Ich liebe das kleine und doch so selbstbewusste Land wegen der Schönheit seiner Landschaft und der Milde seines Klimas. Ich liebe es, wenn ich meinen Bozener Dialekt wieder höre und das Nebeneinander von Deutsch und Italienisch  erlebe. Auch die wirtschaftlichen Fortschritte Südtirols sind unzweifelhaft zu bewundern. Es gibt für das Land keine Alternative als eine friedliche Koexistenz der Sprachgruppen. Faszinierend ist die Idee einer Euregio zwischen Tirol, Südtirol und Trentino.
Ich komme aber auch gern nach Pfaffenhofen zurück, wo es so einfach ist zu leben, wenn man nur in EINER Sprache zu denken braucht.



Franzi Krammer-Keck, geb. Ogriseg,
Nov. 2015


Internetpräsenz: http://www.krammer-keck.de/


Redaktion: Alexander Walzl