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„Wir wollten einen Arbeitsplatz schaffen, wo man Freunde trifft und Spaß hat.“

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Die beiden Südtiroler Lukas Jakob Hafner und Tobias Johannes haben vor vier Jahren das Unternehmen „booncon“ in Helsinki gegründet. Im Südstern-Interview erklären sie, was sie zur Gründung in Finnland bewegt hat, warum sie hier viele Probleme ohne aufwendige Beratungen lösen können und wie sie dem neuen Verständnis von Arbeit entgegenblicken.




Du hast mit Lukas Jakob Hafner, auch einem Südtiroler, vor vier Jahren das Start-up “booncon” in Helsinki gegründet. Woher stammt die Gründungsidee und was macht eigentlich “booncon”?

„booncon“ ist und war eigentlich nie ein Start-up im herkömmlichen Sinne. Der idealtypische Werdegang eines Start-ups beginnt meist mit einer zündenden Produkt- oder Serviceidee und dann braucht es Investoren für die Entwicklung und den Markteintritt. In unserem Fall gab es dies eigentlich alles nicht. Wir waren etwas unzufrieden mit unserer damaligen Arbeitssituation, wo Arbeit noch viel zu stark von physischer Präsenz am Arbeitsplatz geprägt war, anstatt durch das Erreichen von Zielen. Primär wollten wir einen Arbeitsplatz schaffen, wo man Freunde trifft und Spaß hat. Was wir tun, hat sich dann aus unserem Fähigkeitsprofil ergeben: Wir brachten Erfahrung in den Bereichen Design, Programmierung und Betriebswirtschaft mit. Dementsprechend haben wir mit der Programmierung von Webseiten und Webapplikationen begonnen. Wir konnten den Start eigentlich direkt durch unsere ersten Projekte für Kunden finanzieren, die unsere vormaligen Arbeitgeber waren. Inzwischen hat sich daraus unsere Tochterfirma booncon PIXELS entwickelt, die als Experience Design Studio mit Fokus auf Benutzer- und Kundenerfahrung Markenentwicklung und Webdesign anbietet. Unsere Tätigkeit hat auch einen hohen Beratungsanteil, da wir den Kunden durch Workshops etc. stark in unsere Entwicklungen einbinden.

Mittlerweile sind wir (bald) auf ein Team von zehn Leuten angewachsen und zeichnen uns v. a. durch unsere Firmenkultur und Arbeitsmethoden aus. In unserer Arbeitswoche wird an vier Tagen an Kundenprojekten gearbeitet, während am fünften Tag unsere Mitarbeiter eigene Initiativen verfolgen können. Dadurch können sowohl Open Source als auch kommerzielle Projekte entstehen, die dann mit der Infrastruktur unserer Firma verbreitet werden.Die Arbeitszeiten und -orte sind dabei grundsätzlich frei wählbar. Dienstags haben wir ein gemeinsames Frühstück, wo es einen Wochenüberblick gibt und jeden Freitag veranstalten wir einen Spieleabend. Außerdem wird immer wieder gefeiert und gemeinsam etwas unternommen. All das schweißt das Team zusammen und sorgt dafür, dass auch jeder bereitsteht, wenn mal Not am Mann ist. In der Mutterfirma booncon sind nur Lukas und ich tätig. Hier beraten wir sowohl Start-ups (Konzept und Planung von Applikationsentwicklung, Unternehmensplanung) als auch bestehende Organisationen (Start-up Arbeitsweise, Optimierung von Prozessen durch Tools etc.). Außerdem basteln wir hier an eigenen Ideen und finanzieren Projekte, die sich aus der freien Entwicklungszeit bei booncon PIXELS entwickeln.


Was spricht für den Gründerstandort Helsinki? Was gegen Südtirol?


Helsinki hat – wie eigentlich alle nordischen Hauptstädte – eine sehr angenehme Größe. Der Ballungsraum mit ca. 1,2 Millionen Einwohnern erzeugt genug Anziehungskraft, dass „viel los ist” und bleibt dabei noch überschaubar. Der Einstieg in die pulsierende Start-up Szene ist einfach und man kennt eigentlich recht schnell alle wichtigen Personen und Organisationen. Ein anderer positiver Faktor ist der große Arbeitsmarkt bei Designern und Technikern, der sich nach Nokias Zusammenbruch und durch die geografische Nähe zu den baltischen Staaten und Russland entwickelte. Der Erfolg der finnischen Start-up Szene rührt aber vor allem daher, dass sie "bottom up" begann und von öffentlicher Seite unterstützt wurde – ohne dabei politischen Einfluss auszuüben. So wurde z. B. das mittlerweile weltweit aktive Accelerator Programm „Startup Sauna“ (startupsauna.com) in einem von der Aalto University kostenlos zur Verfügung gestellten Gebäude von einer Gruppe Studenten gegründet. Daraus ist dann auch die jährliche Slush Konferenz (slush.org) hervorgegangen, die heuer im November 15.000 Besucher, davon 1.700 Start-Ups und 800 Investoren, zählte. In Südtirol neigen wir leider zur sehr teuren Überinstitutionalisierung, wo mit guten Intentionen "top down" beschlossen wird, dass Start-ups und junges Unternehmertum gefördert werden sollen. Erfolgreiche Start-up Szenen können so nur schwer entstehen, da diese Bevormundung eigentlich im klaren Gegensatz zum Freiheitsgedanken des Gründergeists steht und dadurch die Eigendynamik eingebremst wird.

Ein anderer wichtiger Aspekt ist, dass die finnische Bürokratie weit einfacher und kostengünstiger ist, als die italienische. So kann z. B. eine haftungsbeschränkte Kapitalgesellschaft innerhalb eines Tages mit ca. €400 Bearbeitungskosten durch Ausfüllen eines Webformulars gegründet werden. Das Stammkapital hierfür ist mit €2.500 auch leistbar. Gesellschaft- und Arbeitsrecht sind übersichtlich strukturiert und verständlich formuliert. Dementsprechend ist es als Unternehmer möglich, einen Überblick über die eigene rechtliche Lage zu behalten und simple Probleme selbst, ohne aufwendige Beratungen, zu lösen.

Auch die Lohnnebenkosten sind weit niedriger als in Italien: Obwohl hier ein Mitarbeiter mit mehr Netto nach Hause geht, sind die Gesamtkosten für das Unternehmen in etwa dieselben wie in Südtirol.

Südtirol könnte von Finnland einiges lernen, vor allem weil Finnen Südtirolern in machen Eigenschaften sehr ähnlich sind: Sie sind grundsätzlich bodenständig, pragmatisch und haben Handschlagqualität.




Auf eurer Internetseite habe ich auch einen Podcasts entdeckt: Welche Erfahrungen habt ihr bisher mit diesem Medium gemacht?

Wir sind selbst seit Jahren begeisterte Hörer von vielen Podcasts. Ein guter Podcast kann entweder die entspannendste Art und Weise sein, sich über jegliche Themen zu informieren oder lockere Unterhaltung bei Wartezeiten und beim täglichen Pendeln bieten.

Die Auswahl an Podcasts ist inzwischen so groß, dass eigentlich für jeden Geschmack etwas dabei ist und man die Sendungen zum Zeitpunkt seiner Wahl anhören kann.

Wir haben uns einfach spontan entschieden, dass wir das gerne mal ausprobieren wollen, weil wir doch einiges zu erzählen haben. Außerdem werden Podcasts in Zukunft sicher auch für Unternehmen wichtiger und da wollten wir vorne mit am dabei sein.


Internationalen Studien zufolge ist nahezu jeder zweite Arbeitnehmer unglücklich über seine Arbeitsumgebung: Welche Ursachen konntet ihr bisher in eurer Projektarbeit ausmachen?

Die Unzufriedenheit kann man nicht nur auf die allgemeine Unzulänglichkeit der Arbeitsumgebung (unpünktliche Bezahlung, cholerischer Chef etc.) zurückführen, sondern hat auch oft mit der speziellen Kombination aus Mitarbeitern und Stellenprofilen zu tun. Die Fehler passieren da meist schon bei der Rekrutierung, weil das Hauptaugenmerk viel zu stark auf die Zertifikate und Fähigkeiten der Bewerber gelegt wird. Dabei ist es genauso wichtig, die charakterliche Eignung zum „Wesen“ der Arbeit und den Einfluss der Persönlichkeit auf die Teamdynamik zu beachten.

Wir haben in unserem Anstellungsprozess von Anfang an mehr auf das Potenzial der Kandidaten geachtet und ob die jeweilige Persönlichkeit und Grundhaltung gut zur Firma passt. Dieser Weg hat sich bisher immer bewährt.

Für uns ist es auch sehr wichtig, dass Mitarbeiter sehr selbstständig ihrer Tätigkeit nachgehen, sich ihre Zeit einteilen und gegebenenfalls Lösungen vorschlagen, wenn eine Aufgabe innerhalb des zur Verfügung stehenden Zeitrahmens nicht schaffbar ist.

Leute, die gern klar definierte Schritt-für-Schritt-Arbeitsanweisungen bekommen, wären in unserer Umgebung wahrscheinlich sehr unglücklich.




Macht es Sinn die Grenzen zwischen Beruf und Freizeit klar zu definieren? Ist das von Arbeitgebern überhaupt gewünscht?

Ja und nein. Also „nein" in dem Sinne, dass Arbeit so angenehm und bereichernd sein sollte, dass es ein Ort bzw. eine Tätigkeit ist, wo Menschen gerne hingehen und nicht nur, weil sie für die Zeit dort bezahlt werden.

"Ja", da definitiv sonst auch der schönste Arbeitsplatz stressig wirken kann. Wenn es keine definierte Ruhezeit mehr gibt, kann das Gehirn nicht mehr abschalten und die gesamte private Existenz wird durch den Arbeitsplatz definiert und vereinnahmt. Das wäre bei uns zeitweise auch fast passiert und da muss man sehr aufpassen! Als Arbeitgeber freut man sich zunächst sehr, dass die Mitarbeiter mit Herz und Seele dabei sind. Wenn es aber zu extrem wird und die Leute nicht mehr ruhen, muss man sie nach Hause schicken und klar anweisen, Telefon und E-Mails nicht zu beantworten.

Vor dem Kontakt eines Kollegen in der Freizeit muss man mit Hausverstand die Grenze ziehen und sich immer folgende Fragen stellen:

Ist das jetzt unbedingt notwendig? – Trifft nur zu, wenn ich sonst selbst nicht weiterarbeiten kann.

Welchen Effekt hat meine Frage / Meldung auf die Person? – Während eine Frage nach einer kurzen Information wahrscheinlich nicht stört, kann eine Meldung eines größeren Problems einen Urlaub ruinieren, obwohl sie möglicherweise in keinster Weise hilft.


Wie seht ihr dem neuen Verständnis von Arbeit entgegen?

Grundsätzlich sehr positiv! Robotik und Digitalisierung werden mehr und mehr repetitive Arbeiten aus unserer Gesellschaft verbannen, aber in den Bereichen Forschung, Kreativität und im sozialen Bereich wird es dafür mehr Bedarf geben. 

Die Arbeitszeiten werden sicher früher oder später gesenkt werden, das heißt, der 8-Stunden-Tag wird vermutlich eher zu einem 6-Stunden-Tag. Bei intensiver Denkarbeit kann man bei mehr langfristig sowieso nicht produktiv sein. Das scheint heute schwer vorstellbar, aber vor 40 Jahren gab es auch noch die  48-Stunden-Wocheund alles andere schien utopisch...

Wir müssen also "nur" das Problem der Umverteilung in den Griff bekommen – sei es mit der Einführung eines Grundeinkommens oder einer ressourcenbasierten Wirtschaft. Vermutlich braucht es da ein paar Zwischenschritte, aber früher oder später wird der de facto "Arbeitszwang" sicher aufgehoben.




Viele Unternehmen experimentieren mit einer „Clean Desk Policy”, die es Mitarbeitern ermöglicht ihren Arbeitsplatz frei zu wählen. Kann man mit solchen Maßnahmen langfristige positive Veränderungen bewirken?


Ja definitiv – wir haben zurzeit eine Kombination aus „Clean Desk" und eigenem Arbeitsbereich. Das heißt, alle haben grundsätzlich ihre eigenen Schreibtische, aber die werden nach Lust und Laune getauscht. Zusätzlich gibt es dann noch diverse freie Arbeitsplätze wie Stehtische oder Sitzecken, um dem Chaos am eigenen Schreibtisch entfliehen zu können.

Diese Methode hat sich bisher bei uns bewährt, da sie einen Kompromiss darstellt und das Beste aus zwei Welten ermöglicht.


Was würdet ihr verwirklichen, wenn ihr in Südtirol einen Tag lang regieren dürftet?


Tobias: Ich würde mich für eine effiziente Schnellzugverbindung (mit BBT) zwischen München und Verona einsetzen- mit schnell meine ich mindestens 350 km/h. Damit wären sowohl das Anbindungsproblem von Südtirol (Flughafen Verona 30 Min., München Hbf. 60 Min.) als auch das Transitproblem zumindest teilweise gelöst. Das würde langfristig auch dem Tourismus mit Hilfe von Entwicklungen wie Carsharing zugutekommen.

Für die Realisierung dieses Projektes wird ein Tag zwar nicht ausreichen, aber versuchen kann man‘s ja mal ;) 

Lukas: Ich würde mich sehr stark für eine bessere Durchmischung der deutsch-und italienischsprachigen Bevölkerung einsetzen. Es kann nicht sein, dass es zum Teil Schulgebäude mit zwei Eingängen für die verschiedenen Sprachgruppen gibt. Ich sehe das nicht als eine Maßnahme zum Schutz unserer Kultur, sonder viel mehr als einen Mangel an Weitsicht. Wir sind speziell, weil wir zwischen zwei Kulturen aufwachsen, das sollte man bereits in der Kindheit lernen und dementsprechend muss es einfach sein, Freunde egal welchen Sprachhintergrundes zu finden, um wirklich „zweisprachig” aufzuwachsen.


Interview: Alexander Walzl