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„Das Eindrücklichste war der Blick in einen Tierkadaver-Container“

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Armin Blasbichler ist  Architekt, Künstler und Professor an der Hochschule für Gestaltung und Kunst FHNW in Basel. Im Südstern-Interview spricht er über den Studiengang  „Masterstudio Design und erklärt, was hinter dem Projekt „Muslhaufen“ steckt und welche Techniken er nutzt, um seine Kreativität anzukurbeln.





Welche Ideen stehen hinter dem von Ihnen geplanten „Muslhaufen“?

Die Arbeit ist der Umbau des Geburtshauses meiner Mutter, in dem bereits ihre Eltern und Generationen davor gelebt und gearbeitet haben. Ein Haus, das rund 20 Jahre leer stand und das ich nun mit meiner Familie seit acht Jahren bewohne. Beim langwierigen Umbau habe ich mich auf das Abenteuer eingelassen, das Gewicht des Vergangenen leichtsinnig zu verarbeiten, ohne es jedoch auf die leichte Schulter zu nehmen. Daraus geworden ist ein komplexes Konstrukt aus Fakten und Fiktionen.


Bei meiner Recherche bin ich auch auf Ihr Werk „Inception door for the home of a family of four” gestoßen, das viele Online- Foristen anfangs für ein reines Kunstwerk hielten. Was hat Sie dazu inspiriert, eine solche Tür für Ihr Wohnhaus zu entwerfen?

Eine Fingerübung. Wir sind eine vierköpfige Familie, unser jüngster Sohn war gerade ein Jahr alt geworden und ich nutzte den Anlass, um diesen Moment festzuhalten. Dazu habe ich uns alle vermessen, proportional zu unseren Körpergrößen Türblätter hergestellt und das Ganze als Tür in einen Gebäudedurchgang verbaut. Im Gegensatz zu einer Lichtbild-Fotografie verschiebt sich Erinnerung von einer distanzierten, zu einer unmittelbaren, physischen Erfahrung von Zeit.


Was ist wichtiger für Sie: Funktion oder Design?

Wenn man Design nicht in Konsumgütern denkt, sondern in der Erfahrbarmachung der Art und Weise wie Zusammenhänge funktionieren oder nicht funktionieren, erschließt sich eine reichhaltigere Perspektive auf die Leistungsfähigkeit von Design.




Wird Ihrer Meinung nach der industrielle Aspekt des Massenmarkts zusehends dominieren oder werden dank innovativer Fertigungsverfahren individuelle Designermöbel Einzug in unsere Wohnzimmer halten?

Nachhaltigkeitskriterien, Digitalisierung, 3-D-Druck, dezentrale Produktionsverfahren, innovative Materialen und deren Lizenzen werden unser Verhältnis zu Produkten und Dienstleitungen im Allgemeinen verändern.


Welche Techniken nutzen Sie, um Ihre Inspiration und Kreativität anzukurbeln?

Als ich zu Beginn meines Studiums mit dem Rauchen begonnen habe und irgendwann darauf ein entwerferisches Aha-Erlebnis hatte, bildete ich mir ein, dass die Ursache im Zigarettenkonsum liegt. Deshalb rauche immer noch. Ich denke, das ist es.




Mit „ORSON, I’m Home“, einer fünfteiligen Serie von Tischskulpturen, thematisieren Sie den exzessiven Fleischkonsum unserer Gesellschaft: Welche prägenden Erfahrungen konnten Sie dabei für sich gewinnen? Kann und soll auch alltagstaugliches Design gesellschaftliche Themen sichtbar machen und aufarbeiten?

Das Eindrücklichste war der Blick in einen Tierkadaver-Container. Der ist ja nur einem exklusiven Publikum vorbehalten. Ansonsten ist die Arbeit gänzlich ideologiefrei, ich bin quasi ins Thema hineingestolpert. Die ursächliche Absicht jeder künstlerischen Praxis ist die Lust Dinge sichtbar zu machen. Wird dem ein unmittelbarer Nutzwert vorgestellt, landet eine Arbeit bestenfalls im Bordmagazin eines Fliegers.


Sie sind unter anderem verantwortlich für den Studiengang  „Masterstudio Design“ an der Hochschule für Gestaltung und Kunst FHNW: Auf welche Kernpunkte konzentrieren Sie sich in der Lehre? Wie erleben Sie die Zeit mit den Studierenden?

Masterstudio Design ist ein transdisziplinärer MA- Studiengang in Design, den ich das Privileg habe zu verantworten. Ein forschungsgeleitetes Kreativlabor von rund 30 Studierenden aus allen Gestaltungsdisziplinen und verwandten Bereichen. Die Lehre baut auf Interdisziplinarität und fördert ein Verständnis gestalterischer Praxis als ein Denken und Handeln in übergeordneten Zusammenhängen. Studierende teilen ihr Wissen in Projekten, Workshops und kritischen Auseinandersetzungen auf Augenhöhe mit Dozierenden und eröffnen sich dadurch Perspektiven und Lösungen, die aus streng disziplinärer Sicht unerprobt blieben. 

Wer sich entschließt, seine Fähigkeiten in einem interdisziplinären Umfeld auszuloten, stellt sich infrage. Und das ist beste Voraussetzung, um noch viel mehr infrage zu stellen. Motivierte Studierende auf dem Weg nach möglichen Antworten zu begleiten und zu sehen wie sie daran wachsen, ist ungemein bereichernd.




Architektur und Design- zwei sich komplementär ergänzende oder doch grundlegend unterschiedliche Fachbereiche?

Ich kann Neigungen, aber keine grundsätzlichen Unterschiede erkennen – auch nicht hin zu allen Formen der Künste. 


An welchem Projekt arbeiten Sie aktuell?

An Leuchten, die kein Licht abgeben.


Welche Themen und Projekte haben Sie sich für die Zukunft vorgenommen?

Neben einer Reihe von eigenen künstlerischen Projekten, beschäftige ich mich Themen wie Peer Production, Open Source, Share Economy und Blockchain Technologie. Mit zunehmender Digitalisierung müssen Dienstleitungen und Produkte künftig als Knoten im Internet der Dinge (IoT) und im Internet der Werte (z.B. Bitcoin) neu gedacht werden. Das hat Auswirkungen auf Wertschöpfungsketten, Produktionsverfahren, Nutzungs- und Geschäftsmodelle und nicht zuletzt auf Jobs. Die enormen Effizienzsteigerungen werden dazu führen, dass sich Jobs zunehmend in Felder mit hoher Sozial- und Kreativkompetenz verschieben. Felder also, die nicht automatisiert werden können.


Ihr Lieblingsgericht in Lüsen? In Basel?

Lisna Breatl mit Butteraufstrich in Lüsen, Cordon bleu in Basel. Dabei habe ich noch nie Cordon bleu in Basel gegessen. Einmal war’s aus, einmal war’s mir schlicht zu teuer. Ich hab’s nicht so mit dem Essen. Bisweilen empfinde ich es als Nötigung.

Was bedeutet für Sie Heimat?

Ab dem Moment, in dem wir den Mutterleib verlassen, sind wir Migranten, Suchende, Entdecker: Das gilt auch für die Vorstellung von Heimat. Eine frühe Arbeit des dänischen Künstlers Michael Elmgreen bringt es treffend auf den Punkt: „Home is the place you left“.



Interview: Alexander Walzl