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"Nicht nach der ersten Mathematik Vorlesung das Handtuch werfen!"

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Der Südstern Peter Turin ist als Projektleiter im Bereich Spezialtiefbau bei der Geotechnik Team GmbH in Innsbruck tätig. Im Südstern-Interview spricht er über die Herausforderungen problematischer Standorte, Fracking im Alpenraum und  Erschütterungen auf der Baustelle.




Immer mehr Bauvorhaben werden an problematischen Standorten durchgeführt: Mit welchen Herausforderungen sehen Sie sich dabei konfrontiert? 

Durch meine Tätigkeit als Geotechniker und Projektleiter im Bereich Spezialtiefbau beschäftige ich mich täglich mit problematischen Baustandorten, wie beispielsweise tiefen Baugruben, schlechten Untergrundverhältnissen und Wasser im Untergrund. Die Herausforderung liegt vor allem darin, sämtliche Einflüsse und mögliche Gefahrenquellen richtig abzuschätzen und anhand der Gegebenheiten eine technisch einwandfreie sowie für den Bauherrn annehmbare, kostengünstige Lösung zu finden. Meiner Meinung nach ist es in dieser Berufssparte äußerst wichtig, sehr viel an Berufserfahrung zu sammeln, da jeder Standort angesichts der unterschiedlichsten Bodenverhältnisse stets individuelle Gefahren in sich birgt. Dies erfordert ein hohes Maß an technischer Flexibilität, um das eigene Know-how gezielt anwenden zu können.


Welche Lösungsansätze und Technologien sind besonders erfolgversprechend? 

Ich glaube nicht, dass es den einen „richtigen" Lösungsansatz gibt, sondern dass immer individuelle Problemlösungen gefragt sind.  Je nachdem ob in einem steilen Gelände, im Talbereich oder in Verbindung mit Wasserzutritten gebaut wird, haben sich verschiedene Verfahren bewährt und durchgesetzt. So hängt die gewählte Sicherungsmethode z. B. stets davon ab, ob sich im Einflussbereich der Verbaumaßnahmen Bestandsgebäude befinden. Wichtig ist es grundsätzlich alle Gegebenheiten, Gefahrenquellen und Risikofaktoren zu berücksichtigen und in der Planung mit einzukalkulieren.


Ist es also “lediglich” eine Kostenfrage, ob die Natur am jeweiligen Standort gebändigt werden kann? 

Ohne Frage sind Bauprojekte zur Eindämmung von Naturgewalten stets mit hohen Kosten verbunden, wobei ein Limit nach oben nicht ausmachbar ist. Sicherlich sind solche Maßnahmen zumeist unabdingbar und notwendig. Allerdings bin ich nicht der Ansicht, dass die Natur zu 100% vom Menschen gebändigt und kontrolliert werden kann. Vielmehr wäre es meiner Meinung nach sinnvoll und wirklich an der Zeit, Lösungen im Sinne von Natur und Mensch zu finden!


Wo liegen für Sie die grundlegenden Unterschiede zwischen Klein- und Großbaustellen? 

Die größten Unterschiede zwischen Klein- und Großbaustellen sind sicherlich im Personalbestand (Bauleiter, Polier, Baukaufmann, ...), der zur Verfügung stehenden einsetzbaren Bauverfahren sowie in der Kosten- und Terminschiene zu finden. Ein herausstechender Unterschied ist zumeist die Größe der planenden und ausführenden Firmen und die damit verbundenen organisatorischen und verwaltungstechnischen Hürden. Bei Kleinbaustellen sollte das Personal auf ein Minimum reduziert werden, wohingegen bei Großbaustellen eine punktgenaue Organisationsstruktur unumgänglich ist, da die Anzahl der Beteiligten und vor allem die Dauer der Beschäftigung überproportional ansteigen.


Abgesehen von der Lärmbelästigung sind Anrainer oft genervt von Erschütterungen durch Baumaßnahmen, durch welche auch schwerwiegende Schäden entstehen können: Welche konkreten Maßnahmen müssen Bauherren ergreifen? 

Bauerschütterungen sind sicherlich ein sehr heikles und zumeist auch sehr beunruhigendes Thema für Anrainer. Vorweg möchte ich betonen, dass nicht jede Erschütterung gefährlich ist, ebenso wie nicht jeder Riss im Gebäude gleichbedeutend mit einem Strukturschaden der Bausubstanz ist. Die möglichen Erschütterungen, welche im Rahmen der verschiedenen Bauverfahren entstehen, sind bereits in der Planungsphase zu berücksichtigen, wobei man stets darauf bedacht sein muss Verfahren anzuwenden, welche in Relation als erschütterungsarm betrachtet werden können. Auf rechtlicher Ebene gibt es EU-Normvorschriften, welche das genaue Maß an zulässigen Erschütterungen in Nachbargebäuden regeln. Nichtsdestotrotz ist es empfehlenswert, vor jedem Baubeginn eine Beweissicherung an den Nachbargebäuden durchzuführen. Einkalkulierte Erschütterungen werden in der Regel mittels eines sogenannten Erschütterungsmessgerätes aufgezeichnet. Hier werden die Amplituden der Erschütterungen über einen längeren Zeitraum gemessen und gespeichert, wodurch eine spätere Auswertung am Computer möglich ist.  



Mit welchen innovativen Materialien kann die Branche in den nächsten 10 Jahren aufwarten? 

Der Trend sollte meiner Meinung nach auch im Bereich des Wohnbaus immer stärker in Richtung Nachhaltigkeit gehen. Dies inkludiert im Bausektor die Verwendung naturnaher Baustoffe sowie die Berücksichtigung energieeffizienten Wohnens. Ob die klassischen Baustoffe wie Beton und Stahl dabei aber komplett abgelöst werden, ist fraglich. Zu bevorzugen wäre sicherlich ein guter Mittelweg mit Augenmerk auf umweltschonendes Bauen.


 Welche Rolle spielen Computerprogramme in Ihrem Alltag? 

Wie in fast jedem Job geht ohne Computer heute nicht mehr viel. Sämtliche Berechnungen, Berichte, Pläne, etc. werden nur mehr digital ausgearbeitet. Vor allem arbeite ich mit diversen geotechnischen Programmen. Da ich häufig auf Baustellen unterwegs bin, um die Lage vor Ort unter Augenschein zu nehmen, gestaltet sich mein Büroalltag allerdings sehr abwechslungsreich.



Wie funktioniert Fracking? Wird die Technologie Ihrer Meinung im Alpenraum jemals Anwendung finden? 

Fracking, kurz für Hydraulic Fracturing, ist eine Methode um Erdöl- oder Gasvorkommnisse aus tief im Untergrund liegenden Gesteinsschichten zu fördern. Hierbei wird ein Gemisch bestehend aus Wasser, Sand und Chemikalien unter hohem Druck in die Gesteinsschichten gepresst, damit das Erdöl oder Erdgas leichter durch die entstehenden Risse hindurchströmen kann.  

Fracking führt zu Recht zu kontroversen Diskussionen. Die Gefahren, die mit dieser Methode verbunden sind, wie beispielsweise die Verschmutzung des Grundwassers, sind nicht zu unterschätzen. Ich sehe in Fracking einen enormen Eingriff in die Natur, wobei die langfristigen Auswirkungen der Bohrungen oder dem Einsatz der Chemikalien noch nicht absehbar sind. Auch der hohe Bedarf an Wasser zur Durchführung der Methode darf nicht außer Acht gelassen werden. Früher oder später muss der Mensch begreifen, dass solche Eingriffe in die Natur nicht ohne Konsequenzen bleiben können und insofern hoffe ich, dass die Methode keine breitläufige Anwendung in unserer Gegend finden wird. Uns sollte bewusst sein, dass unsere geografische Lage im Alpenraum sicherlich eines unserer größten Reichtümer ist, dem gebührend Schutz gelten sollte!


Hätten Sie einen Ratschlag für einen jungen Südtiroler, der ein Ingenieursstudium ins Auge fasst? 

Nicht nach der ersten Mathematik Vorlesung das Handtuch werfen! ;) Spaß beiseite! Aller Anfang ist bekanntlich schwer und so ist es auch in der Ausbildung und im Berufsstart als Bauingenieur. Da darf man nicht gleich den Mut verlieren und sollte Durchhaltevermögen an den Tag legen. Je mehr Affinität man für das Thema entwickelt, desto spannender wird die Materie!



Wie kann man sich Ihren Tagesablauf vorstellen? Was fasziniert Sie immer wieder aufs Neue an Ihrem Beruf? 

Mein Arbeitsalltag gestaltet sich sehr vielfältig. Im Büro werden sämtliche Planungsaktivitäten abgewickelt, wobei jeder Bau- oder Sicherungsmaßnahme natürlich der Lokalaugenschein vorausgeht. Folglich bin ich viel unterwegs, um Geländegutachten einzuholen, Bodenproben zu entnehmen etc. Die Projektplanung geht Hand in Hand mit zahlreichen Treffen und Absprachen mit dem Auftraggeber, den jeweils zuständigen Behörden und Sachverständigen. Auch während der Ausführung stehen regelmäßige Baustellenbesuche auf der Tagesordnung. Langweilig wird die Materie sicherlich nie und das Erstellen von individuellen Lösungsvorschlägen stellt für mich stets aufs Neue eine besondere Herausforderung dar. Ich arbeite immer mit dem Bemühen für jedes Problem die ideale Lösung zu finden, und der Moment, in dem ich dann die Verwirklichung des Projektes miterleben kann, ist eine besondere Genugtuung.



Welche Eigenschaften sind nötig, um als Bauingenieur erfolgreich zu sein? 

Wie in allen Berufen, denke ich, dass der wichtigste Aspekt um erfolgreich sein zu können die Leidenschaft und das Herzblut sind, mit denen man seinen Beruf ausübt. Fleiß und Disziplin erklären sich dabei natürlich von selbst, und wie der Erfinder Thomas Alva Edison bereits so schön sagte: „Erfolg hat nur, wer etwas tut, während er auf den Erfolg wartet.“

Wichtig ist zudem aus den gemachten Fehlern zu lernen und diese nach Möglichkeit nicht zu wiederholen. Fehler sollten nicht als Rückschlag, sondern als Möglichkeit zur Weiterentwicklung und somit als Bereicherung betrachtet werden.


Warum sind Sie bei Südstern? 

Ich bin über Facebook auf Südstern aufmerksam geworden. Als Südtiroler bin ich sehr heimatverbunden und freue mich immer, wenn ich auch außerhalb der Heimat meinesgleichen treffe. So ist es auch etwas Besonderes mit Bekannten und Kollegen über das Portal Kontakt zu pflegen. Ein Netzwerk wie Südstern ist die ideale Plattform für Begegnungen und Austausch, eine Schnittstelle zwischen Heimat und Globalisierung.


Interview: Alexander Walzl