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„Tue Gutes und sprich darüber"

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Die gebürtige Eppanerin Kathrin Dellantonio ist für die Stiftung myclimate in Zürich tätig. Im Südstern Interview spricht sie über ambitionierte Ziele im Bereich Klimaschutz & Energieeffizienz, das Konzept der Nachhaltigkeit und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.






Frau Dellantonio, Sie sind Bereichsleiterin für Sales, Marketing und Kommunikation bei myclimate in Zürich: Welche konkreten Ziele verfolgt die Stiftung?

„myclimate“ ist eine gemeinnützige Klimaschutzstiftung mit Sitz in Zürich. Entstanden ist myclimate vor 13 Jahren als Initiative von Studenten und Professoren der ETH. Heute sind wir rund 50 Mitarbeiter und weltweit aktiv. Unsere Mission ist es, durch unsere Klimaschutzaktivitäten einen Beitrag auf dem Weg hin zur „Low-Carbon-Society“ zu leisten. So bieten wir Privatpersonen und Unternehmen die Möglichkeit, ihre Emissionen in unseren Klimaschutzprojekten zu kompensieren. Das bedeutet, dass man für jede Tonne CO2, die man verursacht hat, eine Abgabe bezahlt. Mit diesen Geldern setzen wir Projekte um - v. a. in Entwicklungs- und Schwellenländern – die erneuerbare Energien, Energieeffizienz und Aufforstungsmaßnahmen fördern. Zudem leisten die Projekte einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung, indem z. B. Arbeitsplätze geschaffen, die Gesundheitsbedingungen verbessert oder Kleinkredite vergeben werden. Aktuell haben wir über 70 Projekte in 30 Ländern weltweit im Portfolio.


Ein weiterer Schwerpunkt von myclimate ist die Beratung von Firmen zu integriertem Klimaschutz, CO2- und Ressourcen-Management. Unsere Angebote reichen von einfachen Carbon Footprints (Emissionsberechnungen) auf Unternehmensebene bis hin zu ausführlichen Ökobilanzierungen von Produkten.
Unser drittes Standbein ist die Klimabildung. Dort sensibilisieren wir verschiedene Zielgruppen, z. B. Schüler und Lernende für das Thema Klimaschutz und motivieren sie, in ihrem Handlungsbereich selbst Klimaschutzaktivitäten umzusetzen. Wir sprechen aber auch die breite Bevölkerung an, z. B. in unseren myclimate Audio Adventures, die auf unterhaltsame Art aufzeigen, was Klimaschutz ganz konkret in einer bestimmten Stadt oder Region bedeutet. Und nicht zuletzt machen wir Klimabildung auch mageschneidert für Unternehmen, z. B. im Rahmen von Mitarbeiter-Workshops.



Welche Eigenschaften sind nötig, um in Ihrem Beruf erfolgreich zu sein?


Mein Job besteht aus drei sehr unterschiedlichen Aufgabenbereichen. Einerseits leite ich das Team Sales, Marketing und Kommunikation. Dort braucht es Eigenschaften, die auch in anderen Führungspositionen erforderlich sind: Ich muss ein Team führen können, meine Mitarbeiter fördern und fordern. Dabei konzentriere ich mich darauf, ihnen Ziele vorzugeben, aber auch die Freiheit zu lassen, selbst zu entscheiden, wie sie diese am besten erreichen: Ich stehe ihnen beratend als Coach zur Seite.

Als Bereichsleiterin wirke ich auch im myclimate Management Committee (vergleichbar mit einer erweiterten Geschäftsführung) mit. Dort definieren wir die Strategie und beschäftigen uns mit Business Development.

Mein dritter Aufgabenbereich ist Sales. In diesem Bereich arbeite ich mit verschiedenen Schweizer aber auch internationalen Großunternehmen wie Swiss, Danone, Swisscom und Hostelling International zusammen und unterstütze diese in ihrem Klimaschutz-Engagement. Dort ist es v.a. wichtig, dass ich die Kundenbedürfnisse schnell erkenne und sie mit den passenden Dienstleistungen von myclimate verbinde.


 
Neulich wurde mir bei der Buchung einer Busfahrt eine CO2-Ausgleichszahlung angeboten: Wie kann ich sicherstellen, dass mein Beitrag auch etwas bewirkt und nicht in aufgeblähten bürokratischen Kanälen versickert?

Dazu können Sie folgende Fragen stellen: Wohin fließt das Geld? Gibt es möglichst konkrete Informationen zu den Projekten? Werden diese - und wenn ja wie und von wem -  regelmäßig kontrolliert? Wer steht hinter den Projekten? Ist es so wie wir eine gemeinnützige Stiftung/Verein? Wieviel von meinem Geld fließt tatsächlich in die Projekte und wieviel wird für Administration verwendet?


 
Einige Unternehmen haben in den letzten Jahren die CO2-intensive Produktion in andere, nicht-regulierte Länder ausgelagert und feiern sich in ihren Umweltberichten als Vorreiter: Wie kann ein Außenstehender beurteilen, ob sich ein Unternehmen wirklich um klimafreundliches Wirtschaften bemüht?

Dies ist in der Tat nicht immer ganz einfach auf den ersten Blick zu sehen. Man kommt hier nicht darum herum, Nachhaltigkeitsberichte genau und v. a. kritisch anzuschauen. Setzt ein Unternehmen einfach nur das um, was vom Gesetz verlangt wird oder geht es darüber hinaus? Wie steht ein Unternehmen im Vergleich zu Mitbewerbern und einem Branchen-Benchmark da? Wo steht es bei Nachhaltigkeits-Rankings? Welche Ziele hat es sich gesetzt und sind diese ambitioniert genug? Ist es bereit, für Klimaschutz-Aktivitäten auch einen namhaften Geldbetrag in die Hand zu nehmen oder geht es ihm darum, mit einem minimalen Aufwand möglichst viel Wirkung zu erreichen? Verstehen Sie mich nicht falsch, wir unterstützen Firmen sehr aktiv in der Kommunikation ihres Engagements, im Sinne von „Tue Gutes und sprich darüber". Denn dies ist auch ein sehr effizienter Weg, weitere Unternehmen zum Handeln zu motivieren. Doch letztendlich müssen Kommunikation und Marketing immer im richtigen Verhältnis zum tatsächlichen Engagement stehen.
 
 


Welche Auflagen muss ein Unternehmen erfüllen, um das „Klimaneutral-Label“ nutzen zu können?

Um sich als klimaneutral zu bezeichnen, muss ein Unternehmen sämtliche Emissionen, die durch seine Tätigkeit entstehen, in unseren Klimaschutzprojekten kompensieren. Dazu gehören Emissionen aus dem Energieverbrauch, der Mobilität sowie weitere Emissionen aus dem IT-Equipment und Papierverbrauch. Bei produzierenden Unternehmen schauen wir zusätzlich auch, welche Emissionen in den Rohstoffen, die ein Unternehmen verarbeitet, stecken.


Es ist aber auch möglich, dass ein Unternehmen in einem Bereich beginnt und dann die Kompensation - zusammen mit Maßnahmen, um die Emissionen zu reduzieren - sukzessiv ausweitet. Wir verlangen von niemandem, von 0 auf 100 perfekt zu werden. Im Gegenteil, wir wollen Unternehmen auf ihrem Weg hin zu einer nachhaltigeren Performance begleiten: mit unseren Assessment-Tools für klimawirksame Emissionen, mit unseren Beratungs-Dienstleistungen im Bereich von CO2-Reduktionen, mit Workshops zur Sensibilisierung der Mitarbeiter und natürlich nicht zuletzt mit der Möglichkeit, die verbleibenden Emissionen in unseren Klimaschutzprojekten in der Schweiz sowie in Entwicklungs- und Schwellenländern zu kompensieren.


 
Die junge Generation von heute wächst in einem Zeitalter der Verschwendung auf: Wäre es Wunschdenken anzunehmen, dass die Wende zu einem nachhaltigen Lebensstil irgendwann in Zukunft eingeleitet werden kann?

Ich denke nicht, dass dies Wunschdenken ist. Denn in vielen Bereichen sind wir schon mittendrin in diesem Wandel. Ein nachhaltiger Lebensstil ist heute nicht mehr gleichbedeutend mit Verzicht, sondern nutzt smarte Alternativen, die schlussendlich zu einer Bereicherung des Lebens führen. Nehmen wir das Beispiel Mobilität. In der Schweiz verfügen wir über ein hervorragendes Netz an öffentlichen Verkehrsmitteln. Zudem gibt es ein gut funktionierendes Carsharing-System. Dies macht es für uns als Familie möglich, ohne eigenes Auto auszukommen und doch absolut mobil zu sein. Wir nutzen einfach die Option, die gerade am besten zur Situation passt. Ich empfinde dies durchaus als Luxus und als Element eines nachhaltigen Lebensstils.


Um zur Ausgangsfrage zurückzukommen: Ich denke, ein nachhaltiger bzw. nachhaltigerer Lebensstil ist durchaus für viele Menschen eine valable Option - wichtig ist jedoch die einfache Verfügbarkeit. Dies sehen wir z. B. bei der Flugkompensation: Umfragen zeigen, dass viel mehr Menschen, als es heute nutzen, bereit wären, diesen Geldbeitrag zu zahlen. Doch es muss möglichst einfach gehen, also in den Buchungsprozess bei den Fluglinien integriert sein.

 
Sie haben erwähnt, dass Sie vor einigen Monaten aus der Babypause zurückgekehrt sind: Wie bringen Sie Beruf und Familie unter einen Hut?


Mein Mann und ich konnten das zum Glück recht gut organisieren. Ich arbeite von Montag bis Mittwoch. An diesen Tagen sind unsere zwei kleinen Töchter (drei und ein  Jahr alt) an zwei Tagen in der Kita, an einem Tag macht mein Mann Papitag. Donnerstags und Freitags bin ich daheim, habe aber mit meinem Arbeitgeber vereinbart, dass ich telefonisch in dringenden Fällen erreichbar bin und auch meine E-Mails bearbeite. Dadurch gewährleisten wir, dass dringende Dinge aufgrund meines Teilzeitpensums nicht liegen bleiben. Mein Chef, selbst Vater von drei Töchtern im Teenageralter und mit einer Partnerin, die auch immer berufstätig war und ist, ist er zum Glück sehr entgegenkommend. Neben Homeoffice ist bei uns auch mobiles Arbeiten möglich. Dadurch kann ich die 2 Stunden Zugfahrt täglich (ich lebe in Bern und arbeite in Zürich) gut zum Arbeiten nutzen.

Dass ich in einer Führungsposition überhaupt Teilzeit arbeiten kann, bzw, mein Pensum nach der Geburt meiner ersten Tochter von 100 auf 60% reduzieren konnte, ist nicht selbstverständlich. Ich profitiere da sicher davon, dass ich seit 10 Jahren für myclimate arbeite und mir dadurch ein gutes Fundament aufgebaut habe, sowohl fachlich und im externen Netzwerk, als auch in der internen Position. Letztendlich spielt auch mein Chef eine wichtige Rolle, weil er sich auf neue Arbeitsformen wie Teilzeit, mobiles Arbeiten, Homeoffice einlässt und teilweise selbst nutzt- auch wenn dies natürlich immer wieder Herausforderungen mit sich bringt. So kommen bei myclimate seit einigen Jahren durchschnittlich fünf Babies jährlich auf die Welt: Junge Väter wechseln dann meist in ein Teilzeit-Pensum.

Sicher, Familie und Job zu vereinen ist eine Herausforderung, vor allem in Ausnahmesituationen - z. B. wenn ein Kind krank ist oder im Job aufgrund eines Projektes zusätzliches Engagement verlangt wird. Insgesamt kann ich jedoch sagen, dass ich das recht gut im Griff habe. Auch dank der Unterstützung durch meinen Mann sowie einen Chef, der Verständnis zeigt für die Alltagsherausforderungen  einer jungen Mutter. Wichtig ist, dass man sich nicht ständig selbst ein schlechtes Gewissen macht, weil man weder im Job noch bei der Familie 100% verfügbar ist, sondern das Positive daran sieht. So kann die Tatsache, dass man - weil man daheim zwei kleine Kinder hat und nicht bis spätabends im Büro bleiben kann - durchaus zu einer Effizienzsteigerung und zu noch mehr Fokus auf die wirklich wichtigen Aufgaben führen.


 
Suchen Sie im Ausland den Kontakt zu Südtirolern?

Nicht aktiv, aber immer wenn ich  zufällig Südtiroler treffe oder auch sonst etwas von Südtirol höre, lese oder sehe, freut es mich enorm. Ich mache auch in meinem Umfeld viel Werbung für Südtirol, das übrigens bei den Schweizern als Feriendestination immer beliebter wird. Egal, wie lange ich im Ausland lebe und auch wenn ich nun zusätzlich einen Schweizer Pass habe, im Herzen bleibe ich immer Südtirolerin. Das klingt nun sehr pathetisch, aber es ist wirklich so. Je länger ich weg bin, umso stärker definiere ich mich über meine Südtiroler Herkunft.
 

 
Was ist Ihre Medizin gegen Heimweh?


Viel Kontakt mit meinen Eltern und Südtiroler Freunden - die modernen Kommunikationsmittel wie Skype und Whatsapp helfen mir wirklich sehr. Mit zwei kleinen Kindern ist Südtirol zudem ein ideales Ferienland - in den letzten Jahren haben wir unsere Ferien meistens dort verbracht und dabei auch immer wieder Neues entdeckt. Auch mein Mann, ein Schweizer, ist - seit er mich kennt - ein großer Südtirol-Fan geworden.
Regelmäßig koche ich auch Knödel: Jedoch gibt es in der Schweiz leider kein bereits geschnittenes Knödelbrot. Natürlich fehlen auch gute Eppaner Weine in unserem Haushalt nicht.



Interview: Alexander Walzl