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Mit dem Rennrad quer durch die USA - für den guten Zweck

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Eine Strecke von 5.000 Kilometern, zu absolvieren innerhalb weniger Tage, allein oder im Team. Von der Westküste zur Ostküste USA. Das ist kurz umrissen das Race across America (RAAM). Und ein Südstern ist als Teilnehmer mittendrin:

Kurt Matzler ist "im normalen Leben" Professor an der Freien Universität Bozen und Gastprofessor an der Universität Innsbruck. Er ist wissenschaftlicher Leiter des Executive MBA am MCI in Innsbruck und Gesellschafter von IMP, einem internationalen Consulting-Unternehmen.
Was ihn dazu bewegt, am RAAM teilzunehmen - und was Führungskräfte vom härtesten Radrennen der Welt lernen können, hat uns Kurt im Südstern-Interview verraten.

Was ist das Race across America (RAAM) und wie kann man sich den Verlauf vorstellen?Das Race across America ist das längste und härteste Radrennen der Welt: Die Teilnehmer absolvieren 5.000 Kilometer und 52.000 Höhenmeter, von Küste zu Küste in den USA. Es startet in Kalifornien und geht bis nach Annapolis in der Nähe von Washington DC. Man kann das Rennen als Solo-Fahrer bestreiten oder als 2er, 4er oder 8er Team. Das RAAM gibt es seit mittlerweile über 30 Jahren; es findet immer im Juni statt.

Wer kann am RAAM teilnehmen oder vielmehr: Wie bist du dazu gekommen am Rennen teilzunehmen?

Ich fahre schon sehr lange sehr viel Rennrad und habe schon an vielen Rennen teilgenommen, auch den Ötztaler Radmarathon habe ich schon sieben Mal bestritten.

Ich bin auch Rotarier und innerhalb von Rotary gibt es den Fellowship „cycling to serve“, der das Ziel hat, das Rennradfahren mit wohltätigen Zwecken zu verbinden. Das heißt, man nimmt an unterschiedlichen Projekten und/oder Rennen teil, um Spendengelder zu sammeln.

Vor zwei Jahren haben amerikanische Rotarier die Idee geboren, mit einem Rotary-Team am RAAM teilzunehmen. Über „cycling to serve“ bin ich dazu gekommen und so ist ein internationales Rotary-Team entstanden. Das Ziel unserer Teilnahme war es, Spendengelder zur Ausrottung der Kinderlähmung zu sammeln. 

Welche Voraussetzungen muss man erfüllen, um in diesem internationalen Rotary-Team mitfahren zu können?

Nun, zum einen muss man natürlich Rotarier sein. Und zweitens sollte man ein guter Rennradfahrer sein. Ich habe vorher ja schon an mehreren „cycling to serve“-Rennen teilgenommen oder an den Rotary Radweltmeisterschaften, bei denen ich den 4. Platz belegt habe, und so hatte ich diesbezüglich auch schon einen gewissen Bekanntheitsgrad. Drittens muss man sich mit dem Ziel „end polio“ identifizieren und viertens, die Zeit aufbringen, um Spendengelder zu sammeln. 

Wie sehr nimmt dich das Rennen persönlich ein?
Das Rennen selber ist ja eigentlich relativ kurz; es geht „nur“ über eine Woche. Das gesamte Projekt aber dauert ein ganzes Jahr: man muss sich vorbereiten, Sponsoren finden, Spendengelder sammeln, die gesamte Organisation planen. Es ist ein riesiges Projekt mit einer aufwendigen Logistik.

Für mich ist es ein Ausgleich neben meiner Arbeit. Ein zweites Projekt quasi, in das ich Energie investieren kann – woraus ich aber auch Energie schöpfe – und einen Ausgleich finde.

Ihr wollt ja so viel Geld wie möglich für die gute Sache sammeln. Wie schafft ihr es, Sponsoren zu gewinnen?

Wir bieten die gesamte Palette an klassischen Sponsor-Gegenleistungen, wie z.B. die Logo-Präsenz auf unserer eigenen Homepage, Social-Media-Aktivitäten, Pressemeldungen.

Aus meiner Sicht sind diese Gegenleistungen für die Sponsoren aber eher zweitrangig. Der wichtige Punkt ist, dass die Unternehmen und Privatpersonen, die Geld spenden, das Gefühl haben, dass sie mit ihrer Leistung ein großes Projekt unterstützen. Insofern ist es zwar nicht leicht, Sponsoren zu finden, aber, wenn man Menschen findet, die – auch nur ein bisschen – Leidenschaft zum Radfahren oder eine soziale Ader haben, dann sind diese auch bereit, Geld für unser Projekt zu spenden. Aber es ist natürlich auch viel Arbeit. 

 

Du hast angesprochen, dass das Projekt das ganze Jahr in Anspruch nimmt. Wer arbeitet denn für dein Team?

Unser Team besteht aus vier Rennfahrern und zehn bis zwölf Begleitpersonen; alle sind wir das ganze Jahr mit der Planung beschäftigt. Das geht von der Logistik über die Buchung von Flügen, Mietautos und Hotelzimmern bis hin zur Organisation der gesamten Ausrüstung. Unterstützt werden wir aber auch von Rotary.

Es gibt von dir den Vortrag „Was können Führungskräfte vom RAAM lernen?“ und ich habe von dir erfahren, dass es um Punkte wie Disziplin, Motivation, Planung und Teamgeist geht. Inwiefern kann man diese Schlagworte vom Rennen in die Unternehmenswelt ummünzen?

Das erste, was ich in der Vorbereitung gelernt habe, ist die Rolle der Disziplin. Die Teilnahme am Rennen erfordert sehr, sehr viel Disziplin im Training: Die Zeit zum Trainieren zu finden und sie sich auch zu nehmen – neben einem 50-60-Stunden-Job, ist nicht immer einfach. Und „trainieren“ heißt hier, 12.000 Kilometer im Jahr mit dem Fahrrad zu fahren – und das neben anderen Sachen, die man sonst noch trainiert.

Es gibt da einen guten Spruch: Es ist leichter, einen Grundsatz zu 100% einzuhalten als zu 95%. Die gute Nachricht für alle, die sich für wenig diszipliniert halten ist: Man kann sich das Einhalten von Prinzipien, also Disziplin, antrainieren.

Im Training bedeutet das: Wenn auf meinem Trainingsplan steht, dass ich 200km zurücklege, aber nach der Ankunft zu Hause erst 197km geschafft habe, dann fahre ich so lange vor dem Haus auf und ab, bis ich die 200km voll habe. Wenn auf dem Trainingsplan steht, ich stehe 90 Minuten auf der Rolle, dann stehe ich genau 90 Minuten auf der Rolle und keine Sekunde weniger.

Zum Problem wird es nur, wenn man einmal eine Ausnahme macht. Denn die macht man wieder und wieder – und so öffnet man Tür und Tor für den „Schlendrian“.

Beim RAAM gibt es z.B. eine Regel, die lautet: „Bei jedem Stopp-Schild stehen bleiben und Fuß auf den Boden“. Wenn man dann zu diesem Schild hinkommt, das mitten in der Wüste steht, und man sieht kilometerweit kein Auto – da ist die Verlockung natürlich groß, über dieses Schild einfach drüber zu rollen und den Schwung mitzunehmen. Aber genau hier greift das Prinzip: Wenn ich einmal anfange, die Regel zu verletzen, dann mache ich das immer wieder. 

Unerlässlich bei der Teilnahme am RAAM ist die Planung. Welche Rolle spielt die Planung in den Unternehmen von heute? Muss überhaupt geplant werden und wozu?

Es ist modern geworden in Unternehmen, auf große Pläne zu verzichten. Man sagt sich, viel Planung bringe nichts, weil sich alles so schnell verändere und, kaum verabschiedet, müssten Pläne eh wieder verworfen werden, weil sie nicht mehr gültig seien.

Diese Aussagen vergessen aber eine wichtige Funktion der Planung: Nämlich bei Bedarf, im Extremfall, angemessen reagieren zu können.

Das Rennen planen wir unglaublich detailliert: Wir planen die Wechsel, die Streckeneinteilung, wer wie viele Höhenmeter absolviert usw. Wir wissen aber auch, dass all diese Pläne wahrscheinlich nach den ersten paar Stunden im Rennen irrelevant sein werden. Denn es wird irgendetwas Unvorhergesehenes passieren und alles über den Haufen werfen – bei uns war es z.B. eine Temperatur von 50 Grad mitten in der Wüste: Statt der geplanten stündlichen Wechsel, haben wir alle 15 Minuten wechseln müssen.

Der entscheidende Punkt ist aber der folgende: Durch die akribische Planung im Vorfeld haben wir uns gezwungenermaßen mit allen möglichen Dingen und Situationen auseinandergesetzt. Im Laufe der Vorbereitung haben wir Selbstvertrauen gewonnen. Als wir dann im Rennen den Plan plötzlich ändern mussten, fiel uns das relativ leicht, denn wir hatten im Vorfeld alles bereits durchdacht.

Wenn man hingegen nicht plant, dann brechen in der Krise ziemlich schnell Hektik und Chaos aus und man kann nicht besonnen reagieren.

Insofern liegt der Sinn der Planung nicht nur in der Planung selbst. Sie dient dazu, sich in der Zeit Alternativen zu überlegen und sie zwingt einen, sich systematisch mit der Zukunft auseinanderzusetzen. Je mehr man plant, desto mehr Zuversicht – und auch Motivation – baut man auf.


Stichwort Motivation: Wie motiverst du dich für ein so hartes Rennen? Und: Wie schafft es ein Unternehmen, seine Mitarbeiter zu motivieren? Gibt es bzw. benötigt man dafür explizites Training?

Was das Rennen angeht, so habe ich einen guten Weg gefunden, die Motivation zu erhalten. Es ist – auch schon während des Trainings – wichtig, sich das Bild auszumalen, sich vorzustellen, wie es sein wird, nach 5.000 gefahrenen Kilometern die Ziellinie zu überrollen. Dieses Bild muss man sich permanent und immer wieder vor Augen halten. So, dass man es in schwierigen Situationen automatisch abrufen kann.

Und es ist wichtig, sich immer wieder „quick wins“, also kleine Zwischenziele, zu stecken: „Bis zur nächsten Stadt“, „bis zum nächsten Wechsel“ usw. – so erzielt man immer kleine Erfolge, verliert das große Ziel aber nie aus den Augen.

Und nun zu den Unternehmen: Man unterscheidet zwischen zwei Arten von Motivation: der extrinsischen und der intrinsischen. Die extrinsische entsteht durch Anreizsysteme, wie z.B. Prämien oder Anerkennung von außen – und wirkt bis zu einem bestimmten Maße.

Die intrinsische Motivation hingegen kommt von der Freude an der Tätigkeit selber und ist viel stärker als die extrinsische – und sollte somit auch die Hauptmotivation sein.

Und hier kommen wir wieder zum Punkt: Ganz entscheidend am Gelingen eines Projektes ist die Auswahl der Mitarbeiter. Wenn ich Mitarbeiter finde, die sich intrinsisch motivieren, weil ihnen die Sache – also das gemeinsame Unternehmensziel am Herzen liegt – dann brauchen sie tendenziell weniger äußere Anreize. Unternehmen versuchen z.B. bereits beim Auswahlgespräch zu verstehen, welche Werte für die Bewerber zählen, was für sie wichtig ist. Ein Spruch von Antoine de Saint-Exupery bringt es auf den Punkt: „Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer“.

 

Motivierte Mitarbeiter schön und gut. Wie finden sie aber innerhalb des Unternehmens zu einem Team zusammen? Können hierfür gemeinsame (sportliche) Aktivitäten hilfreich sein?

Viele erfolgreiche Führungskräfte pflegen gemeinsame außerberufliche Tätigkeiten explizit – ganz egal, ob im Sport oder anderswo angesiedelt. Gemeinsam z.B. an einem Firmenlauf teilzunehmen, kann positiv zum Teamspirit beitragen. Allerdings ist es wichtig, dass das gesamte Team diese Leidenschaft teilt. Eine aufgesetzte Maßnahme funktioniert nicht. 

Nach welchen Kriterien wählt ihr eure Team-Mitglieder aus?

Was das Team betrifft, so sind Stresssituationen das große Thema. Während des RAAM sind 14 bis 16 Leute sieben Tage lang in der Regel 24 Stunden permanent, auf engstem Raum, zusammen.

In einem 4er-Team zu fahren bedeutet, in der Staffel zu fahren. Wir bilden – wenn alles nach Plan läuft – zwei 2er-Teams. Jeder Fahrer fährt neun Stunden lang und ruht sich danach neun Stunden lang aus. Die anderen Team-Mitglieder fahren verteilt in den Begleitfahrzeugen hinter den Radfahrern her. Es gibt hier also genügend Konfliktpotential, vor allem, wenn außergewöhnliche Situationen passieren, wie z.B. Hagelgewitter, große Hitze oder gar die Ausläufer des Hurrikans „Cindy“, den wir heuer zu spüren bekommen haben. Dazu kommt notorischer Schlafmangel: im Schnitt schläft jeder im Team nur bis zu drei Stunden pro Tag. Es reicht als im Grunde ein kleiner Funke, um das Ganze explodieren zu lassen.

Genau deshalb ist das Team entscheidend. Es ist uns viel wichtiger zu wissen, wie jeder von uns in Stresssituationen reagiert und dass wir als Team zusammenpassen; andere Leistungs- oder Performancekriterien haben wir hintangestellt. Es reicht nicht, ein Team voller Superstars zu haben, die aber nicht miteinander können; es zeigt sich oft beim RAAM, dass es Super-Teams gibt, deren Mitglieder aber nicht zusammen passen und sie deshalb nicht die gewünschte Platzierung einfahren.

Wichtig ist uns aber auch, dass das gesamte Team sich mit unserem Ziel identifiziert: „Wir wollen das Rennen gemeinsam zu Ende fahren. Wir wollen so viele Spendengelder wie möglich sammeln. Wir beginnen das Rennen als Freunde und wir beenden das Rennen als Freunde“. 

Wie kann ein Unternehmen das Unternehmensziel so definieren, dass die gesamte Belegschaft es als gemeinsames Ziel betrachtet?

Als allererstes muss der Unternehmer sich selber darüber im Klaren sein, was das große Ziel ist. Also jenes, das über das „Geld verdienen“ hinausgeht; jenes, das das „warum?“ definiert. Dann muss er in der Lage sein, das zu kommunizieren. Daran scheitern viele. Der dritte Punkt ist: Der Unternehmer muss ganz bewusst die Leute auswählen, die sich mit dem großen Ziel identifizieren. Und – wie bereits früher im Gespräch genannt – ist ein großer Faktor die Motivation.

Zwei abschließende Fragen: Habt ihr eure Ziele im RAAM 2017 erreicht? Wird es eine Teilnahme 2018 geben?
Ja, wir haben unser Ziel erreicht: Wir haben einen schönen Betrag an Spendengeldern sammeln können, haben das Rennen alle heil überstanden und ja, wir sind als Freunde über die Ziellinie geradelt.
Die Teilnahme im Jahr 2018 steht derzeit noch offen, aber wir werden bald entscheiden - es bleibt also spannend :-).


Vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch, lieber Kurt.

Danke auch.


Weitere Informationen über Kurt Matzler:
Kurt Matzler ist Autor von mehr als 300 wissenschaftlichen Artikeln und mehreren Büchern, darunter Ko-Autor der deutschen Ausgabe des Innovator’s Dilemma, einem der sechs wichtigsten Managementbücher überhaupt (Economist). Sein neuestes Buch „Digital Disruption“ ist vor kurzem im Vahlen Verlag erschienen. Kurt Matzler beschäftigt sich mit den Themen Innovation, Leadership und Strategie. Google Scholar listet ihn unter die Top 20 Strategieprofessoren Europas und unter die Top 50 der Welt. Kurt Matzler ist zweifacher Finisher des Race Across America in einem Rotary 4-er Team, mit diesem Projekt konnten insgesamt über 800.000 Dollar an Spendengelder zur Ausrottung der Kinderlähmung generiert werden.