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Denkfabrik für die Zukunft

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Seit Jahren wächst die Gründer-Szene in Südtirol kontinuierlich. Denkt man derzeit diesbezüglich vornehmlich an die Landeshauptstadt Bozen, so kann es schon bald Denkwerkstätten in der Peripherie geben.

Den Anfang macht die Gemeinde Schlanders: Im Jahr 2018 wird das Innovations- und Gründerzentrum "Social Activating Hub" eröffnet. Südstern hat hinter die Kulissen geblickt und mit Projektleiter Hannes Götsch über den Vinschgau als Wirtschaftsstandort, das Stigma des Scheiterns und über zukunftsfähiges Arbeiten gesprochen.

In Schlanders im Vinschgau entsteht ein Innovations- und Gründerzentrum. Wie kam es dazu?
Für diese Antwort muss ich etwas ausholen. Ich bin gelernter Fertigungstechniker und habe zunächst als Maschinenschlosser gearbeitet. Nach ein paar Jahren bin ich dann zur Schweitzer AG in Naturns gewechselt, wo ich Metallverarbeitung und Vertrieb mit aufgebaut habe und am Ende die Produktionsleitung sowie das Produktmanagement übernommen habe. Für diese Tätigkeit war ich sehr oft und viel im Ausland unterwegs; zu Hause war ich im Grunde nur zum Schlafen.
Erst nach meinem Ausscheiden aus dem Unternehmen habe ich wieder am sozialen Leben in meiner Heimatgemeinde Schlanders teilgenommen und da wurde mir bewusst, was uns aus wirtschaftlicher Sicht im Vinschgau fehlt: Es ist die Möglichkeit, zu forschen, zu testen, auszuprobieren, zu entwickeln. Wir haben viel Potential im Vinschgau, aber kaum Möglichkeiten, Produkte oder Strategien zu entwickeln, bevor man überhaupt an eine Gründung denken kann. Aus diesem Grund habe ich - quasi in Eigeninitiative - ein Fact Sheet verfasst und ein Grob-Konzept für ein Innovations- und Gründerzentrum in Schlanders geschrieben. Dieses durfte ich dann dem Gemeinderat präsentieren.
Was ich nicht wusste: Auch in der Gemeindeverwaltung gab es zur gleichen Zeit das Bestreben, den Wirtschaftsstandort Vinschgau weiterzuentwickeln und man wollte das alte Kasernenareal in Zukunft nutzen - so haben sich unsere beiden Ideen befruchtet und es ist zur Initiative "Social Activating Hub" gekommen. Mittlerweile hat die Gemeinde mich mit der Weiterentwicklung dieser Idee und dem Projektmanagement beauftragt.

 

Worum handelt es sich genau beim "Social Activating Hub"?
Was die Struktur betrifft, so wollen wir das ehemalige Kasernenareal so gut wie möglich nutzen. Den größten Platz wird der Co-Working-Space einnehmen, der ausgestattet sein wird wie ein modernes Büro, mit verschiedenen Arbeitsplätzen, die von den verschiedenen Usern genutzt werden können. Es wird ein fab-lab geben, also eine Art Werkstätte, in der Prototypen entwickelt und hergestellt werden können. Der ehemalige Kantinenbereich wird eine Test-Küche. Es bleibt noch Platz für ein Bistro und für einen Event- oder Kinosaal. Ebenso wollen wir auf den ersten Blick unnötige bauliche Besonderheiten der Kaserne nutzen, wie
z. B. das Basketballfeld oder sonstige Außenbereiche. Denn es tut gut, wenn man ab und zu den Kopf frei bekommt. 

Inhaltlich gesehen, ist es eine Denkfabrik für die Zukunft. Bei der Ausarbeitung des Konzeptes habe ich mir die Frage gestellt: Wie kann man eine solche Denkfabrik in einem Lebensraum wie dem Vinschgau, in der Peripherie eines kleinen Landes - wenn auch gut erschlossen - umsetzen? Ich hatte mir im Vorfeld schon viele Best Practice-Beispiele in Basel, Berlin, Wien usw. angeschaut und habe mich an diesen orientiert. Die Gemeindeverwaltung hat mir vertraut und viel Spielraum in der Ausarbeitung gelassen. Oberstes Ziel war es, den Vinschgau als Standort - in wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Hinsicht - nachhaltig zu stärken.

Bei der Ausarbeitung des Konzeptes wollte weder ich noch die Gemeinde es belassen. Mir ist bewusst, dass es ohne Theorie keine Evolution gibt. Aber ich bin kein Freund von kostspieliger Beratungstheorie ohne anschließenden Umsetzungsgedanken. Ich komme aus der Fertigungstechnik  und weiß, dass in der Umsetzung die Schwierigkeit liegt. 
So kam es zur Entscheidung der Gemeinde, mich als Teilzeitmitarbeiter mit der Projektleitung zu beauftragen. Damit gelang es auch, im Herbst letzten Jahres, gemeinsam mit der Gemeinde Meran, ein EU-Projekt zu verfassen, mit dem wir notwendige finanzielle Mittel akquirieren konnten.

Wie muss man sich das EU-Projekt vorstellen?
Das Projekt hat den Namen BASIS. Es geht darin um eine Investitionsidenstleistung für den Lebensraum Vinschgau. Die Fördermittel sind für die Finanzierung der "Software", für Personalleistungen  und Konzeptarbeiten, vorgesehen. Derzeit planen wir mit insgesamt vier Arbeitsstellen: es gibt die des Projektleiters, die ich innehabe. Ich kümmere mich um die Gesamtkoordination. Dann gibt es noch die Stelle des Startup-, Netzwerk- und Koordinationsmanagers. Er macht Bedarfserhebungen, sucht nach Kooperationsmöglichkeiten und vielleicht schon bestehenden Expertisen, die man nutzen kann. Dabei ist uns der Netzwerkgedanke sehr wichtig. Wir haben auch gewissermaßen eine Satellitenfunktion und arbeiten eng mit dem NOI Techpark in Bozen zusammen - im Übrigen sind wir auch Partner der IDM. Eine weitere Person kümmert sich um die Kommunikationsarbeit, Sensibilisierung und das Eventmanagement. Für den Aufbau des fab-labs werden wir Ende 2017 eine zuständige Person einsetzen. Auch hier wollen wir auf Synergien setzen und mit den umliegenden Berufsschulen, technischen und Fachoberschulen usw. zusammenarbeiten.
Wir haben in der Erstellung des EU-Projektes sehr gut mit Mario Marcone in Meran zusammen gearbeitet. Diese Kooperation macht Sinn, weil wir nicht nur territorial denken wollen, sondern die gesamte West-Achse Südtirols mit einbeziehen wollen. Auch, wenn unsere Themen verschieden sind (Meran z. B. arbeitet im Hinblick auf Smart City, Technologie, Tourismus-Marketing), gibt es doch viele Anknüpfungspunkte zwischen dem Vinschgau und dem Burggrafenamt. 

 

Stichwort Partnerschaft mit IDM: Wie sieht diese aus?
Ich freue mich, dass auch von Seiten der IDM die Bereitschaft entstanden ist, sich im Bereich Co-Working zu engagieren. So hat die IDM die Koordination des Projektes STARTBASE übernommen. Auch, was das fab-lab im Social Activating Hub in Schlanders betrifft, wird es eine Zusammenarbeit mit den Zuständigen im NOI Tech Park geben. Wir wollen uns so gut es geht mit Bozen vernetzen.

Wann rechnet man damit, das HUB zu nutzen?
Nun, wie bei so vielen neuen Projekten, gibt es auch hier viele bürokratische Hürden, die wir noch bewältigen müssen. Wir wollen aber mit Ende dieses Jahres die Ausschreibungsphase abschließen und März/April 2018 mit der funktionalen Sanierung des bestehenden Gebäudes starten. Ende 2018 wollen wir operativ sein. Hier kommt uns zugute, dass die Wahl auf das Kasernenareal gefallen ist. Das Gebäude ist funktional und hat bereits eine enorme Energie. Wir müssen der Hülle also nicht erst Leben einhauchen, sondern können nach Abschluss der Sanierung in einer einzigartigen Umgebung mit der Arbeit beginnen.

Schwenken wir kurz um zu Südstern. Südstern vernetzt die Südtiroler im Ausland - in welcher Hinsicht kann der Social Activating Hub Schlanders denn auch interessant für Südsterne sein?
Wir versuchen, die gesamtheitliche gesellschaftliche Entwicklung im Auge zu behalten; wir wollen den Standort Vinschgau mit all seinen Bereichen aufwerten: Tourismus, Kultur, Bildung, Wirtschaft. Es geht uns darum, den lokalen Bedarf aufzugreifen, ihn aber mit internationalen Erkenntnissen und Erfahrungen zu verbinden.
Für Südsterne ist der Hub insofern interessant, als dass er ein Möglichkeit bietet, nach Südtirol zurück zu kommen und einen inspirierenden und interessanten Arbeitsstandort in der Peripherie vorzufinden. Der Hub Schlanders wird ein Co-Working-Space und ein Co-Living-Space werden. Ich glaube sogar, dass es eine Annäherung zwischen Stadt und Land geben wird. Die Städter wollen die Lebensqualität vom Land, aber dennoch auch alle Vorteile der Stadt mit nutzen - und umgekehrt. Südtirol hat in Sachen Lebensqualität viel zu bieten. Wenn es uns gelingt, das Arbeiten hier wieder attraktiver zu machen, ist das ein Schritt in die richtige Richtung. Südtirol ist ein sehr interessanter Standort, um progressiven Austausch zu generieren - und für Menschen, die wieder nach Hause zurückkommen wollen.

 

Nun soll der Hub Schlanders ja nicht nur klein bleiben, sondern es soll in Südtirol größere Co-Working-Spaces geben.
Parallel zu Schlanders hat sich in den letzten eineinhalb Jahren viel getan. Gemeinsam mit dem Meraner Stefan Thaler haben wir eine Arbeitsgruppe gegründet zum Thema Kreativwirtschaft. Wir haben uns entschlossen, das Co-Working-Konzept so auszuarbeiten, dass es für den gesamten Südtiroler Wirtschaftsraum gilt und wir wollen Standorte in Meran, Bozen, Brixen eröffnen, die der User alle nutzen kann. Es kann ja nicht sinnvoll sein, wenn jede Gemeinde sich hier im Alleingang organisiert. Wir können die Standorte effizient vermarkten und verschiedene Kompetenzen nutzen.

Warum sind solche Initiativen überhaupt notwendig? Haben wir als Wirtschaftsstandort Südtirol Aufholbedarf?
Ich bin der Meinung, dass wir in Südtirol uns noch zu wenig untereinander austauschen, zu wenig miteinander kommunizieren - und dies querbeet in den unterschiedlichsten Bereichen. Es fehlt uns noch eine ausgereifte Kommunikation sowie ein tolles starkes Netzwerk, wie es z. B. Tirol schon hat.
Wenn ich den Vinschgau konkret betrachte, dann haben wir z. B. durch die Landwirtschaft einen interessanten Ertragsfaktor, aber dem entgegen wenig Fläche. So wächst der soziale Druck auf die bestehenden Flächen. Wir müssen uns also bereits jetzt Gedanken darüber machen, wie die Situation in zehn Jahren aussehen wird. Ich bin davon überzeugt, dass man mit Projekten wie dem Social Activating Hub gar nicht früh genug starten kann. Die Menschen sollen sich aktiv mit Veränderung, mit ihrer Zukunft, mit Kooperationsmodellen auseinandersetzen und auch den Mut bekommen, Dinge auszuprobieren. Denn nur so können wir einen Fundus an Wissen ansiedeln, gute Köpfe behalten oder wieder zurück holen.

Eine Grundhaltung, die sich aus meiner Sicht, ändern muss, ist: Der Mensch muss auch Fehler machen dürfen. Wenn wir Dinge ausprobieren, dann ist auch eine Null mal ein Ergebnis. Und wenn jemand, der sich traut, ein Unternehmen zu gründen, nach einiger Zeit merkt, dass es nicht läuft, dann muss er auch mal scheitern dürfen. Es kann nicht sein, dass jemand, der scheitert, Zeit seines Lebens als "Pfeife" dasteht, als jemand, der es nicht hinbekommt. Er hat für sein Leben gelernt - und diesen Gedanken müssen wir etablieren. Denn ein Unternehmen zu gründen, sehe ich als Output. Es müssen Möglichkeiten geschaffen werden, in denen Menschen zunächst tüfteln, testen, ausprobieren dürfen - und erst dann zur Gründung kommen.
Aus- und Weiterbildung ist natürlich auch immens wichtig. Hier darf auch gern von den Nachbarn - aus Vinschger Sicht, den Schweizern - abgekupfert werden. Wichtig ist es, auf allen Ebenen weiterzukommen.

 

Was bewegt eine Gemeinde wie Schlanders dazu, Ressourcen für so ein Projekt - von dem man weder weiß, ob es funktioniert, noch wann es Outputs geben wird - freizugeben?
Die Gemeinde hat sich bereits im Vorfeld Gedanken gemacht und das Konzept "Zukunftsstrategie Schlanders 2020" ausgearbeitet. Dieses Konzept hat mit der Nachnutzung der Militärkaserne zu tun. Die Entscheidung, hier auch das Gründerzentrum zu integrieren, fiel auf Basis der folgenden Überlegung: Der Vinschgau ist stark in der Landwirtschaft, in der Kreativwirtschaft, wie z. B. in der Architektur, Literatur, Formgebung, Handwerk - aber wir haben im Wirtschaftsbereich noch viel Potential. Und hier sieht die Gemeinde die Notwendigkeit, den Vinschgau zukunftsfit zu machen, die Wertschöpfungskette zu befeuern.

Was können etablierte Unternehmen von der Initiative lernen oder wie können sie den Social Activating Hub nutzen?
Unternehmen können z. B. Dienstleistungen abfragen, Räumlichkeiten mit nutzen, sie können Forschungstätigkeiten weitertreiben. Wir sehen den Hub Schlanders zukünftig als Knotenpunkt, an dem die lokalen Kompetenzen weiterentwickelt und verfeinert werden, aber auch durch externe Inputs bereichert werden. Zudem können die lokalen Unternehmen in Zukunft auf qualifizierte Arbeitskräfte zugreifen.
Sie können Kooperationen eingehen, gemeinsam über den Tellerrand hinaus schauen, oder sie können auch auf Erfahrungen zurückgreifen, die vielleicht andere Unternehmer schon gemacht haben. Ich bin auch der Meinung, dass viel Energie-Ineffizienz existiert, einfach, weil jeder für sich arbeitet und so viele gleiche Fehler gemacht werden.
Wichtig ist auch, dass wir bei allen Ambitionen bodenständig bleiben. Wir im Vinschgau sind z. B. nicht das Silicon Valley. Unsere Geschichte ist, wie sie ist. Es macht keinen Sinn, einen Hightech-Elektro-Technik-Spot im Vinschgau zu eröffnen. Denn wir haben keinen Fundus in dieser Materie, und das spüren auch die Kunden.
Es  ist wichtig, sich auf die lokalen Kompetenzen zu besinnen. Wir wollen, dass sich "jeder" in unserem Hub wohlfühlt. Der Landwirt soll mit einem genauso guten Gefühl ein- und ausgehen wie der Handwerker, der Lehrer oder der Unternehmer.
Wir dürfen aber auch die Grundausrichtung nicht vergessen. Wir sind eine Testumgebung. Wir bauen auf ein ständiges Provisorium auf, weil wir dynamisch bleiben wollen. Es wird ein sich wandelnder Ort sein.

Wie wird das Ganze finanziert?
Die Gemeindeverwaltung stellt Fläche und Gebäude bereit und berappt auch die funktionale Sanierung des Gebäudes, die mit 1,1 Mio. € beziffert ist. Der gesamte "Software"-Bereich, also Personal, Konzepte usw. wird über das EU-Projekt finanziert. Das Land unterstützt die Initiative in der Kommunikation. Insgesamt sind für das Projekt also 2,4 Mio. € bis zum Jahr 2019 vorgesehen. Das ist kein riesiges Budget, aber ich bin der Überzeugung, dass das Geld bei solchen Projekten nur bis zu 30% des Erfolges ausmacht. Wichtig ist es, engagiert und kreativ zu sein. Und: Unser Projekt denken wir langfristig: es ist auf 20 bis 30 Jahre ausgelegt.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Götsch!
Ich danke Ihnen.