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Kämpferin für Menschenrechte

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Sie selbst stammt aus einfachen Verhältnissen; ihre Mutter und das Südtiroler Bildungs- und Sozialsystem haben sie vor Armut bewahrt. Heute kämpft die 35-jährige Tisnerin Daniela Unterholzner für armutsgefährdete Menschen.

Ihr Weg hat sie nach Wien geführt, wo sie heute als Geschäftsführerin der Sozialorganisation neunerhaus sich für die Menschenrechte Gesundheit und Wohnen einsetzt.


Foto: ©Michael Mazohl
neunerhaus Geschäftsführerin Daniela Unterholzner im Gespräch über die Menschenrechte Wohnen und Gesundheit und darüber, warum es neunerhaus dabei so dringend braucht.


Daniela, du bist eine von zwei Geschäftsführerinnen von "neunerhaus" in Wien. Seit 1999 werden dort wohnungslose und armutsgefährdete Personen betreut. Was ist das Besondere an dieser Sozialorganisation?

neunerhaus ist aus einer BürgerInneninitiative enstanden. Sie wollte nicht hinnehmen, dass Menschen in Wien auf der Straße leben müssen und haben so ein etwas anderes Wohnprojekt für obdach- und wohnungslose Menschen auf die Beine gestellt. Heute ist neunerhaus fast 20 Jahre alt und noch immer ist der kritische und innovative Drive in der Organisation spürbar. Das ist schon ziemlich cool. 

Warum war diese BürgerInneninitiative denn notwendig? Man kann nachlesen, dass damals "genügend Schlafplätze" in Wien zur Verfügung standen - diese aber nicht vollkommen in Anspruch genommen wurden...

In der Tat gab es auch damals Angebote. Zum Teil wurden diese nicht genutzt. Die InitiatorInnen von neunerhaus wollten dieser Sache auf den Grund gehen und taten genau das, was heute im Innovationsmanagement gelehrt wird: Sie fragten die Betroffenen nach ihren Bedürfnissen und Problemen und suchten mit ihnen nach passenden Lösungen. Bei diesen intensiven Gesprächen stellte sich heraus, dass die Entscheidung einen Schlafplatz nicht anzunehmen, oft ganz persönliche Gründe hat. 
Zum Beispiel haben wohnungslose Menschen oft Hunde. Wenn das soziale Netzwerk etwa auf Grund des Wohnungsverlustes wegbricht, dann bleibt oft nur das "Haustier" als treuer Freund, als ständiger Begleiter. In vielen Notschlafstellen waren und sind Hunde aber nicht erlaubt. Deshalb entscheiden diese Menschen oft, lieber mit Hund im Freien zu übernachten als ihn alleine draußen zu lassen.
Auch Alkoholabhängigkeit ist bei wohnungs- und obdachlosen Menschen ein Thema. In vielen Häusern ist der Konsum von alkoholischen Getränken strikt untersagt. Das kann dazu führen, dass die Menschen lieber auf einen Schlafplatz verzichten. neunerhaus hat nach diesen Erkenntnissen ein Haus konzipiert, in dem Alkohol erlaubt ist und in das die Menschen auch ihre Haustiere mitbringen dürfen. Das war das erste neunerhaus-Wohnhaus und das erste von vielen innovativen Angeboten. 


Foto: ©Christoph Liebentritt
Wenn alle sozialen Netze reißen, dann bleibt oft nur mehr das Haustier - auch als Mutmacher für einen Neuanfang.



neunerhaus ist nicht aus karitativen Zwecken entstanden und verfolgt auch keine solchen. Welcher ist euer Ansatz?
Wir kämpfen für das Menschenrecht auf Wohnen und auf medizinische Versorgung. Wir helfen, aber nicht um des Helfens willen, sondern wir verfolgen diesen politischen Ansatz. Für uns ist es wichtig, dass Menschen in die Selbstständigkeit zurück finden und wir begleiten sie auf diesem Weg genau dort, wo sie uns brauchen. 

Wie sieht euer Zugang konkret aus?

Es gab und gibt in Österreich das Stufenmodell. Diesem Modell folgend, können wohnungs- und obdachlose Menschen zunächst die Nächte in Notquartieren verbringen und tagsüber in eine Tagesbetreuung wechseln. Wer sich in diesem System gut integriert hat, kann später in betreute Wohnanlagen wechseln und irgendwann dann in eine eigene Wohnung. 
Die Schwierigkeit bei diesem Modell ist, dass die Betroffenen immer wieder neue AnsprechpartnerInnen  haben und sich immer wieder neuen Gegebenheiten anpassen müssen. Gerade für diese Menschen bedeutet jeder Wechsel aber auch einen starken Bruch. Denn gerade dann, wenn sie zu einem Menschen Vertrauen gefasst haben, endet die Bindung auch schon wieder. 
neunerhaus hat ein Konzept aus Amerika nach Wien gebracht, das "Housing First" heißt. Damit gehen wir weg vom Stufenmodell. Wir suchen für Betroffene eigene Wohnungen - die sie selbst bezahlen. Sie bekommen dabei einen eigenen Mietvertrag und übernehmen wieder Verantwortung. Begleitet werden sie dabei von unseren mobilen SozialarbeiterInnen: Eine Betreuung, die auf freiwilliger Basis erfolgt und jederzeit von jeder Seite beendet werden kann. Unser Zugang ist also: Jeder Mensch braucht eine Wohnung und muss medizinisch versorgt sein. 
Dieser innovative Zugang war anfangs auch für viele irritierend. Mittlerweile läuft das Programm Housing First jedoch seit sechs Jahren sehr gut. Auch der Immobilienmarkt reagiert positiv auf uns. 

"Housing First" klingt ja nach einem hehren Ansatz. Womit bezahlen die Betroffenen aber ihre Miete?

Wir vermieten unsere Wohnungen zu einem leistbaren Preis und suchen leistbaren Wohnraum. Jede/r, die/der gemeldet ist, sich legal in Österreich aufhält und keinen großen Besitz hat, hat Anspruch auf die sogenannte Mindestsicherung. Auch um Mietbeihilfe oder Wohnbeihilfe kann angesucht werden. Mit dem Mix aus leistbarem Wohnen und minimaler sozialer Absicherung haben die Betroffenen eine gute Basis, um ihr nächsten Schritte zu organisieren. Wie etwa Arbeit, von der sie leben können.

Wer sind denn die Menschen, die bei euch Hilfe suchen und finden?
Wohnungslosigkeit hat viele Facetten und Gesichter. Man spricht deshalb auch nicht mehr von "Obdachlosigkeit", sondern bewusst von "Obdach- und Wohnungslosigkeit". Denn jene, die wir auf der Straße sehen, sind nur die Spitze des Eisberges. So gibt es neben der/dem "Obdachlosen", die/der seit Jahren keinen festen Wohnsitz hat, auch andere Menschen, die sich in prekären Wohnsituationen befinden. Menschen, die nicht dem Stereotyp von Obdachlosigkeit entsprechen.
Prekäre Wohnsituationen können von individuellen oder strukturellen Faktoren ausgelöst werden. Weibliche Wohnungslosigkeit ist oft unsichtbare und eng verbunden mit Abhängigkeitsverhältnissen: So gehen Frauen oft Zweckpartnerschaften ein, um möglichst lange nicht aufzufallen und den Schein der "Normalität" zu wahren. Aus diesen Abhängigkeits- und oft auch Gewaltverhältnissen wieder herauszukommen, ist oft eine Herausforderung. 
Strukturelle Faktoren kommen dann ins Spiel, wenn die Mietpreise nach oben und die Beschäftigung beziehungsweise das Lohnniveau nach unten gehen. Dann können sich GeringverdienerInnen keinen Wohnraum mehr leisten. Sieht man sich das Regierungsprogramm in Sachen Wohnbau genauer an, dann haben jene, die gut verdienen, durchwegs Vorteile. Für die untere Mittelschicht bedeutet es, dass sie extrem armutsgefährdet ist.

Wie werdet ihr den verschiedenen Bedürfnissen der Personen gerecht?
Wir haben drei Häuser und über 150 Wohnungen, die wir betreuen. Rund 570 Menschen wohnen bei uns. 
Dabei gibt es verschiedene Wohnkonzepte: Wir bieten Menschen, die sich in einer akuten Krise befinden, eine Übergangslösung, damit sie sich wieder sammeln und organisieren können. Unsere BewohnerInnen bleiben im Schnitt zwischen sechs und 24 Monate bei uns. 
Ebenso betreuen wir langzeitwohnungslose Menschen. Wir sind für manche auch quasi die letzte Stätte. Im vergangenen Jahr sind vier unserer BewohnerInnen auf Grund ihres hohen Alters verstorben.
Außerdem bieten wir medizinische Versorgung für Mensch und Tier an. Wir haben hier medizinische Angebote, die unsere BewohnerInnen und auch andere nutzen können. Wir haben ZahnärztInnen, AllgemeinmedizinerInnen, Augenärzte und eine Tierärztliche Versorgung. Dieses Angebot ist von zentraler Bedeutung, denn viele sind nicht versichert und könnten sich die öffentliche Gesundheitsversorgung nicht leisten. Sind die Eltern nicht versichert, sind es auch ihre Kinder nicht. Ein großes Problem vor allem bei schwangeren Frauen. 


Foto: ©Christoph Liebentritt
In der neunerhaus Arztpraxis werden versicherte und nicht versicherte PatientInnen auf Augenhöhe behandelt.


Wie schafft ihr es, genügend Mittel für eure Tätigkeiten aufzubringen?
neunerhaus wird von der Stadt Wien über den Fonds Soziales Wien gefördert und hat einen Vertrag mit der Wiener Gebietskrankenkasse. Zum anderen finanzieren wir uns aus den Mieten der BewohnerInnen.
Natürlich sind Spenden zentral für neunerhaus. Ob einzelne SpenderInnen oder Firmenkooperationen - wir schauen sehr genau darauf, dass das Geld dort ankommt, wo es wirklich gebraucht wird. 
Und natürlich leben wir auch vom Engagement der Ehrenamtlichen. Wir organisieren aber keine Kleidersammelaktionen, sondern sprechen die ehrenamtlichen HelferInnen in ihrer Profession an. Das bedeutet, unsere Zahn-, Fach- und TierärztInnen arbeiten ehrenamtlich. Schön ist, dass etwa ein Zahnarzt aus Tirol, dessen Kinder in Wien leben, sogar seine Praxis in Tirol schließt um in unserem Gesundheitszentrum ehrenamtlich mitzuarbeiten.

Ihr versorgt immer mehr Menschen. Was können Politik und Gesellschaft tun, damit in einer Stadt wie Wien, mitten in Europa, in einem Land, das in Richtung Null-Neuverschuldung marschiert, Menschen nicht mehr auf der Straße oder in prekären Situationen leben müssen?
Ich würde die Regierung gern nach ihrem Zukunftsbild für Wien fragen. Ist der Begriff Leistung wirklich der, mit dem wir Zusammenleben diskutieren wollen?
Wenn ich daran denke, dass die Regierung die Mindestsicherung kürzen will, frage ich mich nach den breiten gesellschaftlichen Auswirkungen und der Lebensrealität der Menschen, seien es nun EntscheidungsträgerInnen oder Betroffene. Eine gekürzte Mindestsicherung bedeutet auch, dass sich Menschen den Wohnraum nicht mehr leisten können. Dann ist die Gefahr wahnsinnig hoch, dass sich das Stadtbild dramatisch verändert. 
Ich kann das Vorhaben der Kürzung nicht nachvollziehen, denn sie macht im Gesamt-Sozialbudget nur einen sehr geringen Prozentsatz aus. Gleichzeitig trifft es aber jene Menschen am härtesten, die am ärmsten sind.
Derzeit haben wir in Wien glücklicherweise noch Gestaltungsfreiraum, der für uns und für die betroffenen Menschen extrem wichtig ist.

neunerhaus ist nicht karitativ. Sehr ihr euch - wenn man in diese Bezug überhaupt davon sprechen kann - als Konkurrenten der Caritas oder anderen wohltätigen Organisationen? Wie ist das Verhältnis zueinander?
neunerhaus setzt auf Kooperation, es gibt auch viele Kooperationen mit der Caritas, wie auch anderen Sozialorganisationen. Zum Beispiel sind neunerhaus-ÄrztInnen an insgesamt 23 Standorten in ganz Wien aufsuchend tätig - 21 davon sind Einrichtungen anderer Organisationen. Nur gemeinsam sind wir stark.


Foto: ©Christoph Liebentritt                                   Foto: ©Michael Mazohl
Beim Essen kommen die Leute zusammen:        neunerhaus Geschäftsführerin Daniela
neunerhaus Kudlichgasse Bewohner beim         Unterholzner war selbst bis zu ihrem             
Mittagessen im hauseigenen Beisl.                      achten Lebensjahr nicht versichert und
                                                                                   weiß daher, wie wichtig es ist, Chancen
                                                                                   zu bekommen.
                                                        
                                                                       
Kannst du Vergleiche zu Südtirol ziehen, was die Armutsgefährdung in der Bevölkerung betrifft?
Ich kenne die aktuellen Zahlen aus Südtirol nicht und kann deshalb keine fachliche Einschätzung dazu abgeben. Sehr wohl kann ich aber aus persönlicher Erfahrung sprechen. Ich selbst komme aus einer Familie, die ich als armutsbetroffen einstufen würde. Bis zu meinem achten Lebensjahr war ich nicht versichert. Dass ich trotzdem eine gute Kindheit und Chancen hatte, verdanke ich zum einen meiner Mutter, die eine starke Frau ist, und zum anderen strukturellen Voraussetzungen. Die Bildungspolitik in Südtirol ermöglicht, dass alle Kinder bis zur Beendigung der Mittelschule dieselbe Ausbildung bekommen. Wäre ich hingegen in Wien aufgewachsen, wäre ich vielleicht nicht ins Gymnasium gekommen. 
Was das Wohnen angeht, so werden in Südtirol Sozialwohnungen nach einem Punktesystem vergeben. Dadurch finden stark Betroffene relativ schnell eine Sozialwohnung. 
Ich war also auf Grund von verschiedenen strukturellen Bedingungen in Südtirol in keiner Weise benachteiligt - hier in Wien wäre ich es wahrscheinlich gewesen.

Du hast Kulturmanagement, Geschichte und Kunstgeschichte studiert. Wie bist du zu neunerhaus gekommen - vom Projektmanagement bis zur Geschäftsführung?
Ich sage immer: Umwege erhöhen die Ortskenntnis. Spannend war und ist Kunst und Kultur für mich immer dann, wo sie Gesellschaft und das Zusammenleben in ihr thematisiert, wo sie politisch ist. Für mich wurde mit der Zeit immer klarer, dass ich über die Grenzen der Kultur hinaus wirksam werden möchte - und das ist für mich der Sozialbereich. Auf neunerhaus bin ich ganz besonders wegen der sozialen Innovation, dem unternehmerischen und kreativen Spirit aufmerksam geworden. Ich hab von Anfang an gespürt: Ich passe zu den Werten von neunerhaus und neunerhaus zu mir.

Du führst, gemeinsam mit deiner Kollegin, 102 MitarbeiterInnen und 84 Ehrenamtliche und bist außerdem Geschäftsführerin der neunerhaus Tochterfirma neunerimmo. Welchem Credo folgst du bei deinem Tun - oder: wie wuppt man als junge Nicht-Wienerin so eine Herkulesaufgabe?
Es ist eine wichtige Aufgabe und Tag für Tag ist es aufs Neue ein Wahnsinn zu sehen, was neunerhaus bewirkt. Das verlangt uns allen natürlich etwas ab. Doch gibt es mir Kraft, mir vor Augen zu führen, welchen Unterschied es macht, ob es neunerhaus gibt oder nicht. Wie viele Menschen unversorgt bleiben würden, hätten wir nicht dieses wundervolle Netzwerk, das Tag für Tag die helfenden Hände zu einem großen Ganzen mit klarer Richtung und klarem Ziel zusammen bringt.
Doch auch ein persönlicher Zugang stärkt mich in meinem Tun: Ich glaube daran, dass Kinder, Jugendliche und Erwachsene Potentiale haben. Aber sie brauchen den richtigen Rahmen und Vertrauen um sich entwickeln zu können - welcher Weg für sie auch immer der richtige ist. An diesem Rahmen arbeiten wir.

Du lebst schon eine Weile in Wien; seit Anfang des Jahres bist du Südstern. Hast du auch daran gedacht, irgendwann von Wien nach Südtirol zurück zu kommen? Wenn ja, was würde dich daran reizen - im Beruf wie im persönlichen Leben?
Ja, ich kann mir durchwegs vorstellen, irgendwann nach Südtirol zu ziehen. Zuhause ist Zuhause und ich vermisse oft den Blick von den Bergen herab. Das gibt Kraft und Klarheit. Da wird der Kopf frei. Ich mag die kulturelle Vielfalt und die Menschlichkeit, das Anlächeln und Grüßen auf der Straße und die schönen Blumen auf den Balkonen. Ich mag, wenn es im Sommer aus - gefühlt - jedem Garten nach Grillerei duftet und ich mag die Verträumtheit der Winterlandschaften. Ich bin ein Naturmensch, aber genauso mag ich die Geschäftigkeit.
Dennoch, zurzeit ist mein Platz hier in Wien. Eines ist aber klar: Menschenrechte sind nicht regional begrenzt. Ich kann mir also sehr gut vorstellen, mich mit innovativen Konzepten auch für armutsbetroffene Menschen in Südtirol einzusetzen. Denn es braucht Menschen, die an einen glauben - sonst würde ich heute nicht da sein, wo ich bin.

Vielen Dank für das Interview und alles Gute!
Danke.