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Wir gehen immer auf Vorrat, die Inuit leben im Hier und Jetzt

Mittwoch, 18.12.2019



Brixen, Finsterwirt. Robert Peroni sitzt an einem der kleinen Holztische und nimmt einen Schluck Tee. Vor 50 Jahren ist er das letzte Mal im Gasthaus eingekehrt, das zu den bekanntesten Lokalen der Domstadt gehört. Maturatreffen. “Das ist lange her”, sagt er, macht eine kurze Pause und schiebt lachend hinterher “ich bin wirklich alt, aber ich fühle mich nicht so”. Dass er jung geblieben ist, dazu hat sicher auch sein Lebensweg beigetragen. Extrembergsteiger und Abenteurer in den ersten Jahrzehnten, dann schlug er ein neues, für ihn weit wichtigeres Kapitel auf. Man könnte es mit “Ein Südtiroler in Grönland” umschreiben. Seit über 35 Jahren lebt Peroni in dem zu Dänemark gehörenden Inselstaat, wo er das “Rote Haus”, zugleich Herberge für Besucher aus aller Welt und Begegnungsstätte für die Einheimischen, führt. Wenn er von den Inuit spricht, dann sagt er “Wir”. Denn sie haben ihn den Sinn des Lebens gelehrt. Ein Südtiroler ist er trotzdem geblieben...


Wie oft kommst du zurück in deine alte Heimat?


Robert Peroni: Zwei Mal im Jahr. Im Dezember und Mai, wenn in Grönland weniger los ist. Meine Tochter und mein Bruder leben in Südtirol, und ich freue mich immer sehr, sie zu sehen. Und dann steht auch ein bisschen Business an, Einkauf, Verkauf, solche Sachen. Ostgrönland ist eine der ärmsten Gegenden der Welt. Wenn uns Dänemark nicht finanzieren würde, dann könnten wir nicht überleben. Wir müssen alles importieren, die Gläser, die Decken, die Betten, die Lebensmittel. Wir wickeln mittlerweile zwar alles über das Internet ab, trotzdem ist es wichtig, die Menschen, mit denen man geschäftlich zu tun hat, ab und zu persönlich zu treffen. Viele Agenturen auf der ganzen Welt schicken Gäste zu uns. Von alleine kommt niemand. Wer ist denn so blöd nach Ostgrönland zu fahren? Erst wenn die Faszination rüberkommt, ist es etwas anderes. Und das kann ich im persönlichen Kontakt mit den Leuten besser transportieren. Dafür nutze ich die Zeit weg vom Roten Haus.


Du warst in der ersten Hälfte deines Lebens Extrembergsteiger und Abenteurer, hast mehr als 40 Expeditionen unternommen. Hoher Hindukusch, Spitzbergen und Naomidwüste sind nur einige davon. International bekannt geworden bist du durch die Erstdurchquerung des grönländischen Inlandeises. Diese Expedition hat deinem Leben eine neue Wendung gegeben.


In Grönland zu bleiben, das hat sich nicht von einem auf den anderen Tag ergeben, es hat sich entwickelt. Die Kultur der Inuit hat mich fasziniert. Ihre Art zu denken, zu handeln, im Hier und Jetzt zu leben. Und ich habe gesehen, dass diese Kultur bedroht ist. Viele Menschen nehmen sich dort das Leben, weil ihnen die Grundlage fehlt. Im Kleinen kann ich etwas zum Besseren beitragen. Und so bin ich geblieben.


Damals war deine Tochter noch sehr klein. Was hat sie gesagt, als der Papa immer mehr Zeit dort verbracht hat?


Als sie ein Jahr alt war, bin ich gerade nach Spitzbergen aufgebrochen. Sie hat mich schon als Kind als das erlebt, was ich war: Ein Vater, der viel unterwegs ist. Von meinem Leben war sie immer fasziniert. Als sie zwölf Jahre alt war, meinte sie einmal: "Du musst das machen, was dir gefällt. Ich lass dich fliegen. Sei frei.”



Freiheit, so nehmen Außenstehende immer an, ist das, was Extremalpinisten leben. In deinem Buch “Kälte, Wind und Freiheit” erzählst du, dass du die Freiheit erst in Grönland gefunden hast. Interessant, dass ein Abenteurer die Freiheit nicht im Aufbrechen und Unterwegssein findet, sondern vielmehr im Ankommen.


Ich habe es ja selbst auch erst viele Jahre später verstanden: Der Extrembergsteiger ist eigentlich kein freier Mensch. Er sucht die Freiheit, aber er findet sie nicht. Wenn du im Extremen unterwegs bist, und das war ich viele Jahre lang, dann musst du so aufpassen, dass du als Mensch regelrecht gefangen bist. Erst wenn du ankommst, hast du die Freiheit, irgendwo hinzugehen.


Freiheit hast du also erst oben auf dem Gipfel gespürt, nicht auf dem langen Weg dorthin?


Selten. Wenn ich einen Eisberg bestiegen habe, von dem ich wusste, dass er irgendwann schmelzen und weg sein wird, den vor mir noch nie jemand hinaufgeklettert ist, da habe ich Momente der Freiheit erlebt. Freiheit ist komplex. Sie hört da auf, wo man in andere eindringt. Und sie kann auch zum Einsiedler machen, was mir auch passiert. Heute bedeutet Freiheit für mich, nicht mehr Recht haben zu müssen.


Lange Zeit war alles Extreme eine Triebfeder in deinem Leben. Beobachtest du noch, was an den höchsten Bergen der Welt gerade passiert?


Es wird immer schneller, immer wilder, und ich beobachte als Außenstehender die Szene. Letzthin habe ich gelesen, dass Tamara Lunger und Simone Moro im TerraXCube der Eurac auf die nächste Höhentour akklimatisiert werden und schon bald wieder von ihrer Expedition zurück sein werden. Wir haben ein Jahr gebraucht, um einen 7000er zu machen. Eine andere Welt, mit anderen Wertigkeiten, die jeder für sich selbst bestimmen muss.



Wie oft sagen die Inuit zu dir: “Robertí, du machst Witze.”


(lacht). Das wäre wohl so ein Beispiel, über das sie lachen müssten. Es kommt jedenfalls sehr oft vor, immer dann, wenn ich ihnen etwas von der Lebensweise in Europa erzähle oder sie etwas davon mitbekommen und einfach nicht glauben können, dass es stimmt. Viele unserer Mitarbeiter meinen, unsere Gäste sind alle reich und haben immer Urlaub. Wenn ich ihnen dann erkläre, dass viele von ihnen ein Jahr oder länger sparen, um zwei Wochen zu uns kommen zu können, dann blicke ich oft in staunende Gesichter. Für einen Inuit ist es absurd, so lange durchzuarbeiten, um einmal Urlaub machen zu können.Es sind so extreme Welten, die da aufeinandertreffen. Die Lebensdauer eines Grönländers lag noch bis vor gar nicht langer Zeit bei 30, maximal 40 Jahren. Für sie gilt: Du musst heute leben, denn morgen hast du vielleicht nichts mehr zu essen und stirbst.


Das muss anfangs auch für dich nicht leicht gewesen sein?


Als ich in Grönland angefangen habe, das Rote Haus aufzubauen, sagten die Mitarbeiter und andere Einheimische am Abend oft: Lass uns tanzen gehen. Und als ich antwortete, dass ich am nächsten Tag um sechs Uhr aus dem Bett muss, dann lachten sie und meinten: Aber das ist ja morgen. Einmal begleitete mich ein Freund aus Grönland nach München. In einer Buchhandlung kaufte ich drei Bücher. Liest du sie heute?, fragte er. Und ich sagte, nein, irgendwann, vielleicht im Urlaub. Da musste er lachen. Wir gehen immer auf Vorrat - sie nicht. Das ist der größte Unterschied.


Wir reden viel vom Hier und Jetzt, sie leben es einfach?


Ja, so ist es. Und es ist für mich faszinierend, immer noch.


Ist Robert Peroni zum Inuit geworden?


Ich bin immer noch der Robert, aber ich habe mir sehr viel von ihnen abgeschaut. Ich sehe die Welt heute mit anderen Augen, aus beiden Blickwinkeln.



Das Inlandeis bedeckt 80 Prozent von Grönland. Eisberge sind immer schon abgedriftet, aber in Zeiten des Klimawandels beobachten wir das aus der Ferne mit mehr Sorge. Was ist dein Eindruck?


Ich bin kein Wissenschaftler und lebe erst seit mehr als 30 Jahren oben, was praktisch nichts ist. Trotzdem sehe ich, dass sich etwas verändert hat. Das Eis ist weniger und dünner geworden. Wir können in manchen Ecken wegen der starken Strömung nicht mehr mit dem Boot fahren. Aber wir haben kein Leiden deshalb. Anstatt nostalgisch mit dem Hundeschlitten zu fahren, steigen die Inuit eben auf das Boot um. Der Grönländer war immer ad hoc. Er hat Hunger, also isst er. In einem Fjord gibt es keine Fische? Dann sucht er sich ein anderes.


Eine pragmatische Herangehensweise, die vor Zeiten auch in Südtirol vorhanden war. Der Stromausfall Mitte November hat gezeigt, dass es für uns schwer auszuhalten ist, wenn mal nicht alles funktioniert.


Ja, das habe ich mitbekommen. Ich sehe bei uns in Tasiilaq immer wieder, wie Kinder bei Minus 20 Grad ohne Handschuhe fischen gehen. Die Jagd verläuft nicht nach Plan? Kein Grönländer würde an die große Glocke hängen, wenn er ein paar Tage nichts gegessen hat. Der Grönländer findet seinen Weg, aber leider hat Greenpeace die Welt der Inuit kaputtgemacht.


Warum?


Die Organisation ist vor 25 Jahren in Kanada gegründet worden, um die Robbenschlächterei zu stoppen. Dort wurde Babyrobben teilweise lebend das Fell abgezogen, eine grausame Geschichte. Als Kanada Greenpeace aufgegeben hat, haben Holländer und Deutsche die Organisation übernommen und den Schutz der Robben weiter vorangetrieben. Obwohl in Grönland niemals Robbenbabys geschlachtet wurden, hat sich das Verbot auch auf den Inselstaat ausgeweitet. Die EU hat alle Derivate als Import verboten. Die Inuit haben das Fleisch der Tiere gegessen und das Fell verkauft, und der weiße Mann hat ihnen eine wichtige Lebensgrundlage genommen. Nach Protesten ist zwar eine Ausnahme zugunsten nativer Völker erlassen worden, aber kein Mensch kauft noch die Produkte. Das passiert, wenn der weiße Mann irgendwohin kommt, seine Gedanken und Überzeugungen im Gepäck, ohne die Situation vor Ort wirklich zu kennen.


Manchmal handelt der weiße Mann ohne böse Absicht, und trotzdem wirkt es sich auf das Leben der Inuit aus. Im Buch beschreibst du, wie du einmal mit einem Jäger im Boot auf der Jagd warst und unbewusst den Schalthebel gedrückt hast, als er das Gewehr auf eine Robbe ansetzte...


... und weg war sie. Etwas später komme ich in seine Hütte und sehe, dass er und seine Familie seit fünf Tagen nichts zu essen hatte. Da habe ich mich geschämt. Er war der erste Mensch, den ich in Grönland kennengelernt habe, vor Kurzem ist er gestorben.


Du kennst seine Heimat wie deine Westentasche, hat er deine auch kennengelernt?


Ja, ich habe ihn einmal mit nach Südtirol genommen. Wir waren auch in Mailand und haben uns den Dom angeschaut. Als wir im Kirchenschiff standen, fragt er, was das sei. Eine Kirche, antwortete ich. Und er meinte, nein, Robertí, das ist nur Arbeit. Und dann packte er mich auch schon am Ärmel und zog mich hinaus. Draußen hatte etwas seine Aufmerksamkeit erregt. Er hatte eine Frau vorbeilaufen sehen, die einen Hund an der Leine führte, der ein Mäntelchen trug. Darüber konnte er herzlich lachen.



Wie kommen die Besucher zu euch ins Rote Haus?


Im Flieger, das ist der einzige Weg. Seit Kurzem halten im Jahr auch vier, fünf Kreuzfahrtschiffe. Aber das ist keine positive Entwicklung. In Nordgrönland gibt es ein kleines Dorf mit etwa 60 Einwohnern. Dort sind an einem Tag 800 Gäste ausgestiegen. Die Bewohner haben sich in den Häusern verbarrikadiert, die dachten, der Krieg sei ausgebrochen. Ich sehe es ja bei uns: Die Kreuzfahrturlauber nehmen sich nicht einmal die Zeit, die Schwimmwesten auszuziehen, wenn sie durch den Ort gehen. Sie schimpfen über den Abfall und die Betrunkenen. Natürlich gibt es immer Ausnahmen, aber in meinen Augen ist es das Oberflächlichste, was es im Tourismus gibt.


Du möchtest deinen Gästen etwas Nachhaltiges bieten. Das fängt schon beim Essen an.


Wir essen jeden zweiten Tag Fisch. Wir haben Dorsch, Lachs, Heilbutt, Rotfisch und Katzenfisch, der aus den umliegenden Gewässern stammt. Tiefgekühlte, schockgefrorene Tomaten aus Sizilien, die nach München und weiter nach Hamburg gekarrt und dort auf das Schiff verladen werden, die gibt es bei uns nicht. Wir verwenden 20 Sorten Gemüse - alles wird kleingeschnitten und getrocknet - was weit weniger aufwändig ist. Natürlich wäre es besser, wenn wir das Gemüse hier anbauen könnten, aber das lässt das Klima nicht zu. Vieles kommt auch aus Dänemark zu uns, darunter auch das Bier.


Alkohol ist ein echtes Problem in Grönland.


Wir haben keine Kultur des Trinkens, und für viele hier ist es eine Sucht. Es ist nicht einfach, eine Perspektive für sein Leben zu sehen, wenn es kaum Arbeit gibt und ein Einheimischer nichts produzieren kann, das er verkaufen kann.


Auch deshalb bleibst du: Um den Einheimischen im Roten Haus eine Zukunft zu geben. Wie viele Menschen arbeiten dort?


Ich war am Anfang dagegen, in Grönland auf Tourismus zu setzen. Aber ich habe erkannt, dass es die einzige Möglichkeit ist, den Menschen etwas Positives zu bringen. Das Rote Haus war am Anfang eine kleine rote Hütte, 6x4 Meter lang. Alle haben auf dem Boden geschlafen. Heute führen wir sieben kleine Häuser, von der ganz einfachen Unterkunft bis zum Drei-Sterne-Haus. Im Ausland unterhalten wir drei Büros, zwei davon in Australien, eines in Deutschland. Jenes in Tasiilaq führe ich. Wir haben 74 Mitarbeiter dort. Die Jobs sind sehr begehrt. Wir zahlen gut und sind menschlich großzügig. Nicht, weil ich ein besonders guter Mensch bin, sondern weil ich davon überzeugt bin, dass sich Menschlichkeit am Ende immer auszahlt. Nichtsdestotrotz ist mir als Südtiroler eine gewisse Wirtschaftlichkeit wichtig.


Was braucht ein Inuit heute?


Noch vor zehn Jahren hätte ich gesagt: Seine Familie, einen guten Leithund, die Harpune, ein Gewehr, ein Boot und eine Frau, die nähen kann. Heute hat sich alles rasant verändert. Die Grönländer sind hochintelligente Menschen, im elektronischen Bereich ganz fit. Alles, was ich dort wissen muss, weiß ich wegen ihnen. Sie hätten die besten Voraussetzungen. Aber den Weg in die Zukunft, den haben die Inuit noch nicht gefunden. Dazu fehlt es ihnen auch an Selbstwertgefühl. Sie geben sich viel zu sehr in die Hand der anderen und lassen sie bestimmen.


Für die Grönländer ist das Herz wichtiger, als das, was in der Hand ist?


Ja, und das ehrt sie, aber am Ende trägt es nicht immer bei zum Selbstbewusstsein, das sie bräuchten.


Was bist du für die Inuit?


Ich glaube, für sie bin ich ein weißer Mann, der ein Herz hat und nicht wirklich etwas von ihnen will. 1985 habe ich eine Stiftung gegründet und in einer Versammlung der Gemeinde erklärt, was ich vorhabe. Eine Wasserleitung zu bauen, für Strom zu sorgen, Infrastruktur eben. Dann stand plötzlich ein alter Jäger auf und schaut mich an: Warum bist du so gut zu uns, fragte er.


Eine gute Frage.


Und die Antwort war für mich denkbar einfach. Ihr habt mich das Leben gelehrt, sagte ich. Was ihr mir als Menschen gegeben habt, das kann ich mit meinen Kajaks und Zelten nie im Leben zurückgeben.



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