„Keramik ist ein nachhaltiges Material und in Zeiten wie diesen ein Ausrufezeichen”

Montag, 09.11.2020
Die Engel mit den Barockwangen sind das, was man eine echte Ikone nennt. Jeder weiß, dass es sich dabei um Keramik von Thun handelt. Doch nur auf Ikonen von damals setzen, macht man bei der Thun AG schon lange nicht mehr. Im Interview erzählt Südstern Simon Thun, 31, warum er früher als gedacht ins Familienunternehmen eingestiegen ist, was das mit einem Teddy zu tun hat und wie man bei Thun ganz persönlich mit den Stammkunden kommuniziert

 

Aus welcher Tasse hast du heute Morgen deinen Kaffee getrunken?

Aus einer Thun-Tasse natürlich, wobei es eine besondere ist. Meine Frau und ich haben zu unserer Hochzeit Tassen herstellen lassen. Und aus so einer personalisierten und von mir selbst designten Tasse habe ich den Kaffee getrunken. 

 

Die kleinen Espressotassen mit den Flügeln als Henkel gehören zu den bekanntesten Stücken von Thun, genau wie die Engel mit den knuffigen Wangen. Es sind Ikonen der Vergangenheit, die 600 anderen Produktneuheiten Jahr für Jahr gegenüberstehen. Wie schwierig ist es, in einem großen Unternehmen Tradition mit Zukunft zu verbinden? 

Zu den Engeln mit den runden Backen wurde meine Großmutter beim Blick in die Wiege ihres Sohnes inspiriert. Das zeigt, wie eng bei Thun alles mit der Vergangenheit und der Familie verknüpft ist. Die Herausforderung, die Inspirationen von damals mitzunehmen und doch mit der Zeit zu gehen, ist groß. Auch deshalb liegt die Frage von Innovation bei uns immer noch in der Familie. Ich bin jede Woche im Produktmeeting dabei und sehe jede Neuheit, die auf den Markt kommt. 

 

Wie hat sich Thun in den vergangenen Jahren entwickelt?

Wir haben einen sehr großen Sprung gemacht. Lange wurden wir als reiner Kunstartikelhersteller wahrgenommen, dessen Sammlerfiguren in Vitrinen hinter Glas verkauft wurden. Dann haben wir die Retail-Distribution angefangen, die Produktpalette erweitert und unseren eigentlichen Fokus auf die Marke gesetzt, auf unsere Werte, die Ästhetik und unsere Kunden. Vor drei Jahren sind wir neu in den Onlinehandel eingestiegen. Mittlerweile zählt das Geschäftsfeld bereits zwölf Prozent des Gesamtumsatzes, dazu hat auch die vermehrte Onlinenachfrage in der Pandemie beigetragen. Überhaupt spezialisieren wir uns mehr auf E-Commerce mit integrierter Digitalberatung. In Mantua ist ein weiteres Standbein dazugekommen, unser Logistikzentrum, einmal für Thun selbst und dann auch für andere Unternehmen. Was wir weiterhin wollen: Auf mit Wasserfarbe bemalte Keramik setzen, ein sehr nachhaltiges Material und besonders in diesen Zeiten ein Ausrufezeichen. Es gibt immer mehr Menschen, die sagen, ich möchte mir kein Plastik ins Haus stellen. 

 

Wie wichtig sind die klassischen Thun-Engel in wirtschaftlicher Sicht?

Sie machen heute nur noch einen marginalen Teil unseres Umsatzes aus. Auf der anderen Seite sind sie ungemein wertvoll. Man kann das mit dem Porsche 911 vergleichen, der nur fünf Prozent des Gesamtumsatzes ausmacht und trotzdem das Flaggschiff der Automarke darstellt. 

War für dich immer schon klar, dass du ins Familienunternehmen einsteigen wirst?

Ich habe von klein auf mitbekommen, was im Unternehmen passiert. Einzusteigen ist mir nahegelegt worden, aber die Entscheidung kam von mir selbst. Wenn es nach meinem Vater gegangen wäre, hätte es allerdings etwas später sein sollen. Unser Pakt lautete: nicht vor 30. So bin ich zunächst nach dem Studium nach Asien, wo ich meine ersten Erfahrungen bei Alibaba gemacht habe. Ich war in Monat 1 der Gründung dabei, als das „Amazon von Asien” mit Finanzierungen von Investoren von null aufgebaut wurde. Das war eine sehr positive Erfahrung, auch, weil man sich Fehler leisten konnte, die man im eigenen Unternehmen nicht machen möchte. Ende 2014 bin ich dann ins Familienunternehmen eingestiegen, zunächst ins Produktmanagement. Danach kam der Retailbereich und schließlich die Finanzen. Bis zum vergangenen Jahr habe ich mich durch alle Abteilungen gearbeitet, bis ich schließlich selbst in die Geschäftsführung eingetreten bin. 

 

Du bist zwischen Thun-Figuren und Geschirr aufgewachsen. Was war das erste Produkt, das du im Produktmanagement eingeführt hast?

Das war keine Neuheit, sondern eine Neuauflage: In den 60ern war der Teddybär bei Thun schon populär, und ich habe ihn wieder eingeführt. Heute ist er das Sammlerobjekt Nummer eins. Es gibt ihn in allen Größen und Formen, mit kleinen Herzen oder in besonderer Optik je nach italienischer Region. Der ist einfach niedlich. Dieser „effetto del carino” zieht unsere Kunden an. 

 

Thun weiß viel über seine vor allem weiblichen Kundinnen. 

Seit 22 Jahren gibt es den Thun-Club mit mittlerweile eineinhalb Millionen Mitgliedern. Da schreiben sich unsere Kundinnen und Kunden ein und genießen dafür besondere Vorteile. Die Mitglieder im Club machen mehr als zwei Drittel unseres einkaufenden Kundenstammes aus. 

 

Das versetzt das Unternehmen in die glückliche Lage, täglich mit einem Großteil der Kunden kommunizieren zu können. Wie genau kann man sich das vorstellen?

Wir haben im Durchschnitt 20 bis 30 Datenpunkte über jeden Konsumenten und können unsere Kommunikation zielgerichtet einsetzen. Ein Kunde, der gerne Neuheiten mag, wird eher darüber informiert werden. Eine Sammlerin von Teddybären erfährt alles aus diesem Bereich. 

 

Sind die Südtiroler Thun-Fans?

Südtirol ist seit jeher die schlechteste Provinz im Verkauf, weil die Leute einen nordischen Geschmack haben. Die besten Regionen sind Apulien, Kalabrien, jene Gegenden, wo barocke Formen und Figuren gut ankommen. Und genau aus solchen Regionen kommen viele unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die auch hierherziehen, um für Thun zu arbeiten. In der ganzen Firma arbeiten nur zwei (!) deutschsprachige Südtirolerinnen.

 

Viele Unternehmen ringen um eine Frauenquote – bei Thun sind 86 Prozent der Mitarbeiterinnen Frauen. Wie kommt es?

Das liegt sicher auch daran, dass das Unternehmen von einer Frau gegründet wurde. Die Seele meiner Großmutter Lene spürt man im Unternehmen bis heute. In den Geschäften, wo unsere Produkte verkauft werden, arbeiten fast nur Frauen. Seit meinem Einstieg habe ich einen guten Draht zu weiblichen Managerinnen aufgebaut, auch unsere Personalchefin ist eine Frau. Vielleicht identifizieren sich Frauen mehr mit unseren Produkten. Apropos Produkte, ich muss noch einmal an den Teddy denken. Ich habe mir nie groß Gedanken darum gemacht, warum ich ausgerechnet den wieder auflegen wollte. 

 

Und?

Mein liebstes Kuscheltier in der Kindheit war ein Teddy. Vielleicht hat das im Hinterkopf eine Rolle gespielt. 

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