© Michael Kofler/Taylan Mutafoglu
Welche zum Beispiel?
Für den älteren Bruder Anton ist seine Identität sehr stark in seiner Herkunft und seinem Zusammenhörigkeitsgefühl verankert. Für die Hauptfiguren Paul und Anna sind hingegen der Wunsch nach persönlicher Selbstverwirklichung, der Traum vom Glück und das Streben nach Emanzipation primäre Quellen ihrer Identität. Natürlich gibt es aber Überschneidungspunkte und genau dort entstehen die Dilemmas für die Figuren. Die äußeren Umstände fordern die Figuren dann heraus, sich selbst und ihre Loyalitäten und Sehnsüchte zu verstehen.
Gab es Reaktionen auf den Film, die dich überrascht haben?
Der Film erzählt zwar vom Südtirol der 1960er Jahre, aber mir war bewusst, dass die darunterliegenden Themen und Fragen sehr universell und relevant für die Welt von heute sind. Ich durfte ‘Zweitland’ auf einer Reihe von internationalen Filmfestivals präsentieren und habe mich unheimlich gefreut, wie offen und interessiert auch Zuschauer z.B. in Amerika, Indien, Frankreich den Film auf- und angenommen haben. Es war schön zu sehen, wie interessiert die Menschen an diesem international relativ unbekannten Geschichtskapitel sind und es gleichzeitig auch als Parabel sehen.
Und Südtirol?
Dass der Film hier so erfolgreich gelaufen ist, hat mich sehr gefreut. ‘Zweitland’ konnte sich sehr lange im Kino halten. Zudem waren auch die zahlreichen Sondervorstellungen in Dörfern und Ortschaften im ganzen Land sehr gut besucht. Wir haben dabei immer wieder sehr ermutigendes Feedback erhalten, und ich hoffe, der Film konnte auch einen Raum für Diskussionen und Gespräche öffnen. Last but not least, habe ich mich unheimlich über die Auszeichnung und Nominierungen gefreut, die ‘Zweitland’ erhalten hat. Sie sind eine wunderbare Anerkennung für die vielen Menschen, die mit großem Engagement an diesem Film mitgearbeitet haben.
Du hast Zweitland als „Anti-Heimatfilm“ bezeichnet. Was wäre für dich heute, nach diesem Film, eine ehrliche Form von Heimat – und was ganz sicher nicht?
Der ‘Heimatfilm’ ist ein Filmgenre, das sich bestimmter stilistischer und ästhetischer Konventionen bedient: idyllische Darstellung der Landschaft, häufig symmetrische oder harmonische Bildkompositionen, saturierte Farbgebung, ruhige Kameraführung, um ‘Heimat’ als einen idyllischen Ort der Geborgenheit darzustellen. In ‘Zweitland’ ging es mir darum, diese Ästhetik und Genrekonventionen herauszufordern, um die politische Unsicherheit des Südtirols von 1961, die zerbrechliche Atmosphäre und die emotionale Zerrissenheit der Figuren auf einer ästhetischen Ebene zu erzählen und damit auch die idealisierten Werte oder Wertesysteme des Heimatfilmgenres zu hinterfragen. Es ging mir darum, sich mit den Spannungen, Widersprüchen und auch dunklen Unterströmungen auseinanderzusetzen, die in ‘Heimatfilm’-Erzählungen oft ausgeklammert werden. Ich glaube, wir können einen Ort schätzen und trotzdem seine Strukturen hinterfragen und wir können eine Geschichte über Heimat erzählen, ohne sie zu vereinfachen und zu romantisieren. Vielleicht ist ‘Heimat’ etwas, das jede und jeder in sich trägt. Ein Gefühl, oder eine Leidenschaft, so zu sein, wie man will. Ganz unabhängig von geografischer Herkunft, Zugehörigkeit und vor allem frei von jeglicher Ideologie. So wie es zum Beispiel Paul, die Hauptfigur von ‘Zweitland’, in der Kunst findet.