Jenseits der vertrauten Bilder: Michael Kofler über Zweitland

Dienstag, 21.04.2026
Der Südtiroler Regisseur Michael Kofler hat jüngst für den Film Zweitland den Bayerischen Filmpreis gewonnen. Ein Film, der nicht nur eine Geschichte aus der Zeit der Südtiroler Bombenjahre erzählt, sondern Fragen aufwirft: Wo gehört man hin, was prägt Identität und wie verändert sich Heimat im Laufe eines Lebens? Im Interview erzählt der 47-Jährige von einem Stoff, der ihn viele Jahre begleitet hat, einige Jahrzehnte zurückliegt und dennoch hochaktuell ist.

 

 

Michael, du hast viele Jahre an diesem Film gearbeitet. Wie können wir uns die Recherche vorstellen? 

Dem Film ist eine ausgedehnte Entwicklungsphase mit mehrjähriger Recherche vorausgegangen. Das war bei diesem Thema natürlich unverzichtbar. Ich arbeite ja in der Fiktion und nicht dokumentarisch, aber trotzdem trägt man ein gewisses Maß an Verantwortung der Historie und den menschlichen Schicksalen gegenüber. Deshalb war es mir als Autor und Regisseur extrem wichtig, mich dem Thema und den Ereignissen mit solidem Hintergrundwissen und der nötigen Sensibilität anzunähern. Ich habe mich von der Entwicklung bis hin zur Postproduktion und Fertigstellung historisch beraten lassen. Ein absoluter Fachmann auf dem Gebiet hat dabei immer wieder das Drehbuch oder später die Rohschnittfassungen des Films historisch, wie auch politisch unter die Lupe genommen.

 

Welche Zeitzeugen sind dir in Erinnerung geblieben?
Ich habe eine Reihe von Zeitzeugen getroffen, um Erlebtes aus erster Hand zu erfahren. Das war mir sehr wichtig. Ich habe Interviews mit einer Reihe von damals Betroffenen und Beteiligten geführt, aber auch mit vielen Menschen, die ganz einfach die Zeit miterlebt haben. Neben den politischen Ereignissen hat mich auch sehr interessiert, wie sich damals der Südtiroler Alltag, abseits der Politik, angefühlt hat. Ich durfte dabei viele sehr bewegende Gespräche führen, und ich bin zutiefst dankbar, dass diese Menschen sich mir geöffnet und mir teilweise sehr tiefe Einblicke gewährt haben. Rückblickend hatte jedes einzelne dieser Gespräche sehr beeindruckende und emotional nachhaltige Momente, und ich möchte auch keines davon besonders hervorheben. Denn gerade die Erzählungen und Berichte in ihrer Gesamtheit haben für mich als Autor ein umfassendes und emotional zugängliches Bild dieser Zeit entstehen lassen. 

 

In Zweitland stehen Figuren zwischen familiärer Loyalität, politischem Druck und dem Wunsch nach einem eigenen Leben. Ist Identität für dich im Film etwas Gewachsenes oder etwas, das erst im Konflikt sichtbar wird?

Ich glaube, Identität ist die Summe aller Teile eines Lebens. Ich sehe es mehr als einen Prozess, in den Stück für Stück alle Stationen, Momente und Orte eines Lebens einfließen. Es ist nichts Starres, sondern eine Entwicklung, die ständig in Bewegung ist. Menschen bewegen sich, sie lernen, sie öffnen sich und verschließen sich auch manchmal wieder, oder vergessen ganz einfach. Sie schlagen neue Wege ein, orientieren sich um, oder finden manchmal auch wieder zu ihrem Ursprung zurück. Ich glaube, Herkunft und Wurzeln sind nur ein Teil unserer Identität. Ein sehr prägender Teil, aber lediglich die Basis, auf der wir im Laufe unseres Lebens aufbauen und uns entwickeln können. Im Alltag liegt Identität oft ganz natürlich unter der Oberfläche. Wir tragen im Idealfall ja nicht ständig vor uns her, wer wir sind. In ‘Zweitland’ haben die Figuren teilweise ganz unterschiedliche Vorstellungen von Identität. 

 

© Michael Kofler/Taylan Mutafoglu

Welche zum Beispiel?

Für den älteren Bruder Anton ist seine Identität sehr stark in seiner Herkunft und seinem Zusammenhörigkeitsgefühl verankert. Für die Hauptfiguren Paul und Anna sind hingegen der Wunsch nach persönlicher Selbstverwirklichung, der Traum vom Glück und das Streben nach Emanzipation primäre Quellen ihrer Identität. Natürlich gibt es aber Überschneidungspunkte und genau dort entstehen die Dilemmas für die Figuren. Die äußeren Umstände fordern die Figuren dann heraus, sich selbst und ihre Loyalitäten und Sehnsüchte zu verstehen.

 

Gab es Reaktionen auf den Film, die dich überrascht haben?

Der Film erzählt zwar vom Südtirol der 1960er Jahre, aber mir war bewusst, dass die darunterliegenden Themen und Fragen sehr universell und relevant für die Welt von heute sind. Ich durfte ‘Zweitland’ auf einer Reihe von internationalen Filmfestivals präsentieren und habe mich unheimlich gefreut, wie offen und interessiert auch Zuschauer z.B. in Amerika, Indien, Frankreich den Film auf- und angenommen haben. Es war schön zu sehen, wie interessiert die Menschen an diesem international relativ unbekannten Geschichtskapitel sind und es gleichzeitig auch als Parabel sehen. 

 

Und Südtirol?

Dass der Film hier so erfolgreich gelaufen ist, hat mich sehr gefreut. ‘Zweitland’ konnte sich sehr lange im Kino halten. Zudem waren auch die zahlreichen Sondervorstellungen in Dörfern und Ortschaften im ganzen Land sehr gut besucht. Wir haben dabei immer wieder sehr ermutigendes Feedback erhalten, und ich hoffe, der Film konnte auch einen Raum für Diskussionen und Gespräche öffnen. Last but not least, habe ich mich unheimlich über die Auszeichnung und Nominierungen gefreut, die ‘Zweitland’ erhalten hat. Sie sind eine wunderbare Anerkennung für die vielen Menschen, die mit großem Engagement an diesem Film mitgearbeitet haben.

 

Du hast Zweitland als „Anti-Heimatfilm“ bezeichnet. Was wäre für dich heute, nach diesem Film, eine ehrliche Form von Heimat – und was ganz sicher nicht?

Der ‘Heimatfilm’ ist ein Filmgenre, das sich bestimmter stilistischer und ästhetischer Konventionen bedient: idyllische Darstellung der Landschaft, häufig symmetrische oder harmonische Bildkompositionen, saturierte Farbgebung, ruhige Kameraführung, um ‘Heimat’ als einen idyllischen Ort der Geborgenheit darzustellen. In ‘Zweitland’ ging es mir darum, diese Ästhetik und Genrekonventionen herauszufordern, um die politische Unsicherheit des Südtirols von 1961, die zerbrechliche Atmosphäre und die emotionale Zerrissenheit der Figuren auf einer ästhetischen Ebene zu erzählen und damit auch die idealisierten Werte oder Wertesysteme des Heimatfilmgenres zu hinterfragen. Es ging mir darum, sich mit den Spannungen, Widersprüchen und auch dunklen Unterströmungen auseinanderzusetzen, die in ‘Heimatfilm’-Erzählungen oft ausgeklammert werden. Ich glaube, wir können einen Ort schätzen und trotzdem seine Strukturen hinterfragen und wir können eine Geschichte über Heimat erzählen, ohne sie zu vereinfachen und zu romantisieren. Vielleicht ist ‘Heimat’ etwas, das jede und jeder in sich trägt. Ein Gefühl, oder eine Leidenschaft, so zu sein, wie man will. Ganz unabhängig von geografischer Herkunft, Zugehörigkeit und vor allem frei von jeglicher Ideologie. So wie es zum Beispiel Paul, die Hauptfigur von ‘Zweitland’, in der Kunst findet.

 

 

© Starhaus Filmproduktion GmbH/Felix Wiedemann

 

Blickst du anders auf Südtirol als die Menschen, die hier leben? 

Ja und nein. Distanz schafft sicherlich oft eine andere Art von Klarheit. Es fallen einem Nuancen, positive Aspekte und manchmal auch Widersprüche auf, die für diejenigen, die mittendrin leben, vielleicht nicht so offensichtlich sind. Andererseits bleiben einem manchmal durch den Blick von außen gewisse feine Veränderungen und gesellschaftliche Prozesse auch verborgen. In der gesamten Entstehungsphase von ‘Zweitland’, war es mir aber extrem wichtig, dass ich in der Erzählung zu einer doppelten Perspektive in der Lage war. Einerseits als Südtiroler die Geschichte und Eigenheiten dieser Region zu kennen, andererseits durch meine Perspektive von außen objektiv, emotional unbefangen und dadurch manchmal auch kritisch mit der Materie umzugehen.

 

Hat die tiefe Auseinandersetzung mit dem Thema dein Verhältnis zu Südtirol geändert?

Ich glaube nicht verändert, aber die Auseinandersetzung mit dieser Geschichte hat mein Verhältnis zu Südtirol sicherlich vertieft. Südtiroler zu sein bedeutet vielleicht auch, sich mit schwieriger Geschichte auseinanderzusetzen, die Vergangenheit auch mit ihren Widersprüchen anzuerkennen und ein Gefühl der Verantwortung und Empathie weiterzutragen. Historisch gesehen liegt der Konflikt der 1960er Jahre ja noch nicht so weit zurück. Wenn man sich das vor Augen führt, wird einem klar, welche immense und positive Entwicklung diese Region seitdem durchlaufen hat. Südtirol ist heute langfristig befriedet, wirtschaftlich stabil und bietet Platz für kulturelle Diversität. Menschen aus dem deutschsprachigen und italienischsprachigen Raum haben an ‘Zweitland’ zusammengearbeitet, um eine gemeinsame Vision zu verwirklichen. Zum Großteil aus Ländern, die im Südtirol-Konflikt teilweise auf gegenüberliegenden Seiten standen. Das war eine großartige und nachhaltige Erfahrung und ich bin dankbar, dass ich sie machen durfte.

 

Wie schätzt du den Filmstandort Südtirol ein?

Ich finde es großartig, was sich im Filmbereich in Südtirol in den letzten 15 Jahren getan hat und wie sich das Land als ernstzunehmender Filmstandort etabliert hat. Ein absoluter Schlüsselmoment dafür war sicherlich die Gründung der Filmförderung IDM Film Commission Südtirol. Einerseits können dadurch lokale Filmproduktionen unterstützt bzw. Dreharbeiten nach Südtirol gebracht werden, die dann einen wichtigen wirtschaftlichen Effekt im Land erzielen. Andererseits haben die neuen Förderungsgegebenheiten eine solide heimische Filminfrastruktur entstehen lassen: Ein hochqualitatives Netzwerk aus Produktionsfirmen, branchenspezifischen Service-Anbietern, hochspezialisierten Fachkräften und einem reichhaltigen Pool von On- und Offscreen-Talent. Außerdem hat IDM Film Commission eine Reihe von Initiativen und Programmen ins Leben gerufen, um lokale Filmemacher bzw. Stoffe und Geschichten mit lokalem Bezug zu fördern, zum Beispiel Racconti, Incontri, MASO. Auch ‘Zweitland’ war vor Jahren Teil des Racconti Development Labs der IDM. In meiner Jugend war es unausweichlich, aus Südtirol wegzugehen, wenn man in der Filmbranche arbeiten wollte. Das ist heute anders. Junge Menschen, die eine Karriere beim Film anstreben, können dieses Ziel heute in Südtirol verfolgen und erreichen. Das ist eine wunderbare Entwicklung. 

© Starhaus Filmproduktion GmbH/Martin Rattini

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