Seine Motivation? Sinnstiftende Arbeit

Mittwoch, 02.09.2026
Mit dem neuen Planeten „Consumer Products” haben wir gerade das Südstern-Netzwerk um einen spannenden Bereich erweitert. Bei Dr. Schär, einem echten Hidden Champion der Lebensmittelproduktion, findet ein erstes Event aus diesem Universum statt. CEO Hannes Berger wird dort über internationale Karrierewege, globale Märkte und die Zukunft der Lebensmittelbranche sprechen. Wir haben mit dem Südstern vorab über den Standort Südtirol, die Genugtuung sinnstiftender Arbeit und die Frage gesprochen, was wir von der ziel- und ergebnisorientierten Arbeitskultur in den USA lernen können.

 

Was macht Dr. Schär als Arbeitgeber besonders?

Viele kennen unseren Namen, aber sie wissen nicht, was wir eigentlich machen. Wir sind ein Familienunternehmen mit Wurzeln in Südtirol und gleichzeitig weltweit tätig. Unser Head Office ist in Burgstall, wo ungefähr 300 Leute arbeiten, insgesamt beschäftigen wir 1.800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an zahlreichen Standorten auf der ganzen Welt. Durch die vielen Tochtergesellschaften gibt es einen großen kulturellen Austausch. Wer bei uns arbeitet, kann Verantwortung übernehmen, internationale Projekte begleiten oder auch für einige Jahre an einen unserer Auslandsstandorte wechseln. Das gilt nicht nur für technische Berufe, sondern ebenso für Marketing, Finanzen oder Personal. 

Wer international bei Dr. Schär arbeiten möchte: Muss der Weg immer über Südtirol führen? 

Nehmen wir als Beispiel einen Südstern, der in Frankfurt lebt und arbeitet und sich gerne verändern möchte. Der muss nicht zu uns nach Südtirol kommen, sondern kann genauso in Marburg als Einsteiger einer Tochtergesellschaft anfangen und von dort dann in den Hauptsitz wechseln oder umgekehrt. Wir haben verschiedene Programme, die von der Projektbetreuung, Implementierung hin zu Expat-Einsätzen gehen, wo man sich verpflichtet, ein paar Jahre ins Ausland zu gehen und dort eine Führungsposition zu übernehmen. Mein eigener Weg verlief ähnlich: Als ich vor über 20 Jahren zu Dr. Schär kam, arbeitete ich noch für ein internationales Unternehmen in Wien. Dr. Schär holte mich mit dem Auftrag ins Unternehmen, das Amerika-Geschäft aufzubauen. 2017 übersiedelte ich dann für sechs Jahre mit der Familie nach New York, um das amerikanische Geschäft weiter auszubauen.

Fachkräfte in Südtirol halten und zugleich internationale Talente anziehen – ein herausfordernder Spagat, oder?

Es ist spannend und nicht so einfach. Wir liegen in Südtirol nicht neben einer Metropole wie Mailand und München zum Beispiel, wo wir ja auch Talente abwerben. Wir haben im Moment viele Akademiker, die aus verschiedenen anderen Regionen Italiens zu uns kommen. Für sie ist Südtirol beinahe eine Terra Promessa, sie schätzen die Natur und die Berge ebenso wie die gut strukturierte Arbeitsweise. Was uns als Arbeitgeber sicher auch attraktiv macht, ist die Mission des Unternehmens, der Sinn, wieso man jeden Tag zur Arbeit geht. Die Leute merken, dass wir da sind, um die Lebensqualität der Menschen zu verbessern. 

Glutenfreie Ernährung war eine Zeitlang ein Modetrend. Eine gute Entwicklung?

Uns hat das sicherlich dazu verholfen, das Produkt bekannt zu machen, weil die Verfügbarkeit in den Supermärkten erhöht wurde. Aber es hatte auch einen Nachteil, weil das Problem, das ja dahinter steht, weniger ernst genommen wurde und das war für jene Menschen problematisch, die darauf angewiesen sind. Wir haben deshalb unsere Strategie immer auf die Menschen ausgerichtet, die sich aus medizinischen Gründen glutenfrei ernähren müssen. 

Wie gelingt es, Qualität weltweit auf gleichem Niveau zu halten?

Die Erwartungen der Konsumenten weltweit unterscheiden sich natürlich. Es gibt Produkte, die wir nur für gewisse Märkte produzieren, etwa Pão francês für Brasilien oder Bagel für Amerika. Unsere Grundrezepte passen wir teilweise an, was die Süße oder den Salzgehalt betrifft. Unverändert gilt aber, dass Qualität immer vor regionaler Anpassung kommt. Lieber verzichten wir auf einen kurzfristigen Vorteil, als bei Qualitätsstandards Kompromisse einzugehen. 

Warum bleibt Südtirol für das Unternehmen der richtige Standort?

Das hat viel mit unserer Geschichte und unseren Werten zu tun. Wir denken langfristig und generationenübergreifend und gleichzeitig brauchen wir Menschen, die unsere Unternehmenskultur verstehen und als Botschafter in die Welt tragen. 

Wo liegen die Grenzen des Standortes Südtirol?

Da sind zwei Aspekte wichtig. Einmal die Frische des Produkts. Es wäre in unserem Bereich schlicht nicht möglich, alles in Südtirol zu produzieren, das Thema Haltbarkeit durch die Backwaren bedeutet für uns, dass wir vor Ort produzieren müssen, damit das Produkt am frischesten zum Konsumenten kommt. Eine zweite Herausforderung sind die hohen Lebenshaltungskosten in Südtirol. Sie sind gleich hoch wie in Deutschland oder Österreich, aber das Lohnniveau liegt näher am Italienischen als am Deutschen. 

Setzt man als Unternehmen selbst Akzente, um dem Thema leistbares Wohnen oder Mieten zu begegnen?

Ja, sicher beschäftigt uns das. Ein Beispiel: In Gargazon haben wir ein Mitarbeiterhaus, wo unsere Leute zunächst wohnen können, bis sie etwas geeignetes finden. 

Welche Rolle spielt KI im Lebensmittelsektor?

KI beschäftigt uns jeden Tag, der richtige Umgang damit wird zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Als erstes hat sie Einzug in die Produktion gefunden, wo Automatisierung eine große Rolle spielt. Überall dort, wo Analyse stark gebraucht wird, wird schon viel mit KI gearbeitet. Onlinehandel ist in unserem Sektor noch kein so großes Thema, anders als etwa im Sportartikelbereich. Ein großes Fragezeichen besteht im Moment, was den Know-how-Schutz betrifft. Wenn Rezepte auch mit Hilfe der KI entwickelt werden, besteht am Ende die Frage der Rechte. 

Hatten Sie einen persönlichen Bezug zum Thema Zöliakie, als Sie bei Dr. Schär angefangen haben?

Nein. Der Einstieg war bei mir ein anderer. Mir hat das Internationale gefallen und der Pioniergeist. Ich bekam damals praktisch ein weißes Blatt Papier, um das Amerika-Geschäft aufzubauen. Neue Mitarbeiter fragen mich oft, warum ich nach über 20 Jahren immer noch hier arbeite. Der Grund liegt auch darin, dass ich nicht die ganzen Jahre denselben Job gemacht habe. Ich durfte immer wieder neue Aufgaben übernehmen, habe im Business Development, Marketing, Organisation und General Management gearbeitet. Und dann ist ein anderer, ganz großer Grund, dass ich für ein Unternehmen arbeiten kann, das sinnstiftend ist. 

Hat es einen entscheidenden Moment gegeben, wo Sie gemerkt haben: Da geht es wirklich um Lebensqualität?

Ja, da habe ich einige emotionale Sachen erlebt. In Parma war ich einmal zu einer Podiumsdiskussion eingeladen, um über das Unternehmen zu sprechen. Nach dem Talk habe ich mich wieder nach unten gesetzt und hinter mir saß eine Frau. Sie war Managerin einer anderen Firma. Sie meinte zu mir, Dr. Schär habe ihr Leben verändert und ihre Lebensqualität zurückgegeben. Das sind schon besondere Momente, wenn man sieht, dass man einen kleinen Beitrag leisten kann, das Leben anderer zu verbessern. 

Wie viel Amerika steckt nach Ihren Erfahrungen in der Unternehmenskultur?

Die sechs Jahre in Amerika haben mich schon sehr geprägt. Die Unternehmensführung und der Umgang mit den Mitarbeitern sind dort anders. Man arbeitet ganz klar auf Ziele und Ergebnisse hin. In Europa wollen wir Dinge häufig zuerst perfektionieren. Wir nehmen uns Zeit und überlegen sehr lange. Die amerikanische Kultur kann deshalb eine gute Ergänzung zur europäischen sein. Das ist auch für die Wettbewerbsfähigkeit entscheidend. Wir bewegen uns immer stärker in einem internationalen Umfeld und müssen uns mit großen multinationalen Unternehmen messen. Wenn die Europäer nicht wettbewerbsfähiger werden, ziehen die Chinesen und Amerikaner davon. 

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